Lesermeinung von Dr. Norbert
Obermayr, Mauren
Die Demonstration zur Fristenlösung in Vaduz hat gezeigt, worum es vielen tatsächlich geht. Um die Frau ging es dabei am wenigsten. «Kommt wütend» stand auf der Einladung zur Demonstration vom vergangenen Samstag. Rund 250 Personen folgten dem Aufruf und zogen mit Parolen, Pfiffen und Schildern vom Peter-Kaiser-Platz zum Schloss. Die Demonstration verlief friedlich, und das verdient Anerkennung. Doch die Frage bleibt: Wütend wogegen?
Die ausgestreckte Hand
Wenige Tage vor der Demonstration hatte der Erbprinz seinen Entscheid nicht nur mitgeteilt, sondern zugleich ein Angebot gemacht. Er zeigte sich offen, das Werbeverbot aufzuheben, und will Information, Begleitung und Unterstützung von Frauen vor, während und nach einer Schwangerschaft verbessern. Auch das Initiativkomitee stellte nach dem Gespräch auf Schloss Vaduz einen gemeinsamen Punkt fest: Ungewollte Schwangerschaften sollen durch Aufklärung und leichteren Zugang zur Verhütung verhindert werden. Hier hätte eine Debatte beginnen können, die Frauen tatsächlich hilft. Stattdessen zog man vor das Schloss. Wer eine ausgestreckte Hand mit Pfiffen beantwortet, dem geht es offenbar um etwas anderes.
Wut als Programm
Man betont, «Kommt wütend» sei kein Aufruf zur Gewalt. Ein Initiant erklärte, wer die Demokratie missachte und Frauen bevormunde, müsse mit Wut rechnen. Ich unterstelle niemandem Gewaltabsichten. Aber Worte haben Folgen. In derselben Woche erlebte Frankreich erneut heftige Ausschreitungen, mit eingeschlagenen Schaufenstern und Angriffen auf Polizisten. Wer Wut zum Programm erhebt und sie gegen eine einzelne Person richtet, spielt mit einem Feuer, das er nicht kontrollieren kann. Wut ist kein Argument. Sie ersetzt es.
Was dahintersteckt
Liest man die Schilder und hört man die Reden, wird deutlich: Im Mittelpunkt stand weniger die Frau als der Fürst. «Fristenlösung statt Fürstenlösung», «Das letzte Wort dem Volk», «Wir haben genug von der fürstlichen Bevormundung». Eine Rednerin erklärte gar, ein System sei nicht automatisch gerecht, nur weil es legal funktioniere.
Gleichzeitig versichert man, dem Erbprinzen stehe das Vetorecht selbstverständlich zu. Das passt nicht zusammen. Wer ein Recht anerkennt, dessen Ausübung aber als Bevormundung und Ungerechtigkeit brandmarkt, greift die Verfassung an und tut nur so, als wolle er es nicht. Die Fristenlösung wird so zum Vehikel für eine ganz andere Auseinandersetzung: die Frage, ob Liechtenstein seine Verfassung behalten will. Diese Frage verdient eine offene Debatte, nicht eine verdeckte.
Das «Volk» als Behauptung
Immer wieder wird erklärt, das Volk stehe hinter der Fristenlösung. Das ist eine kühne Behauptung. Knapp 5000 Unterschriften sind beachtlich, aber sie repräsentieren nicht das Volk. Wer unterschreibt, wählt sich selbst aus. Eine Gegenfrage gab es nicht, und niemand sammelt Unterschriften dafür, dass alles bleibt, wie es ist. Statistisch ist es unzulässig, daraus einen Volkswillen abzuleiten. Rund drei Viertel der Stimmberechtigten haben nicht unterschrieben.
Auch eine Umfrage ersetzt keine Abstimmung. Ihr Ergebnis hängt davon ab, wie gefragt wird, und eine Umfrage muss sich nicht mit den Folgen ihrer Antwort auseinandersetzen. Wer den Volkswillen kennen will, muss das Volk befragen. Genau das hat nicht stattgefunden.
Männer ohne Stimme, Männer mit Pflichten
Bemerkenswert ist die Rolle, die den Männern in dieser Debatte zugewiesen wird. «Es kann nicht sein, dass ein Mann über alle Frauen entscheidet», sagte eine Teilnehmerin. Männern wird jedes Recht abgesprochen mitzureden, selbst wenn es um ihr eigenes Kind geht.
Gleichzeitig beklagt eine Leserbriefschreiberin, dass 80 Prozent der Leserbriefe gegen die Abtreibung von Männern stammten, und fordert, dass Männer bei einer ungewollten Schwangerschaft die volle Verantwortung übernehmen. In einem Punkt hat sie recht: Männer tragen Verantwortung, und sie müssen sie auch wahrnehmen. Aber wer Pflichten trägt, hat auch eine Stimme. Man kann Männern nicht gleichzeitig die Verantwortung zuschieben und das Wort verbieten.
Und an dieser Stelle eine Bitte: Werte Frauen, schreibt bitte auch! Diese Debatte braucht eure Stimmen, auch dann, wenn sie nicht dem entsprechen, was auf der Strasse gerufen wird.
Das falsche Versprechen
Das Eigentliche aber ist: Demonstriert wurde für das Falsche. Eigentlich müsste es darum gehen, die Stellung der Frau deutlich zu stärken, gerade als Mutter. Stattdessen wird ein falsches Versprechen verkauft: Selbstbestimmung bedeute Freiheit von Kindern, Emanzipation bedeute, eine Schwangerschaft beenden zu können. Damit wird stillschweigend der nicht schwangere Körper zum Massstab der Freiheit erklärt. Die Frau gilt erst dann als gleichgestellt, wenn sie ist wie der Mann.
Das ist das Gegenteil von Stärkung. Es widerspricht dem Schöpfungsgedanken, und es lässt Frauen mit der schwersten Entscheidung allein, während sich Gesellschaft, Arbeitgeber und Politik aus der Pflicht nehmen. Ein echter Fortschritt wäre es, die Fähigkeit der Frau, Leben zu tragen, als schützenswerten Teil des Menschseins anzuerkennen, statt deren Beendigung zur Bedingung für Freiheit und Teilhabe zu machen.
Die Selbstbestimmung der Frau ist dabei nicht aufgehoben. Sie beginnt vor der Schwangerschaft, nicht erst danach. Für Fälle von Gewalt braucht es zu Recht eigene Regelungen. Wo aber ein Kind entstanden ist, geht es um zwei Leben, nicht um eines.
Wofür es sich lohnen würde
Echte Stärkung hiesse: Anerkennung der Mutterschaft als Leistung für die Gesellschaft. Finanzielle Absicherung von Müttern und Familien. Vereinbarkeit von Kind, Beruf und Ausbildung. Eine Beratung, die begleitet und nicht nur informiert. Das Recht auf Gesundheit für Mutter und Kind. Und bei Geburtenraten weit unter dem Erhaltungsniveau ist das keine Nebenfrage, sondern eine Überlebensfrage unserer Gesellschaft.
Darüber wird kaum gesprochen. Dabei liegt genau hier das Angebot des Erbprinzen auf dem Tisch, und genau hier gäbe es eine gemeinsame Basis mit den Initianten.
Erst die Grundsatzfrage
Eines bleibt entscheidend: Solange niemand beantwortet, ab wann ungeborenes Leben schützenswert ist, bleibt jede Frist eine Abwägung nach Gutdünken. Eine Rechtsordnung, die das Lebensrecht gegen andere Interessen abwägt, ohne zu sagen, wessen Leben sie da abwägt, entscheidet willkürlich. Erst die Grundsatzfrage, dann die Frist.
Für eine Gesellschaft, die Mütter stärkt, Familien absichert und das ungeborene Leben schützt, würde ich sofort mitmarschieren. Ohne Wut.

