Spätestens im Oktober taucht der Siebenschläfer unter. Dann begibt sich das possierliche Nagetier mit den grossen dunklen Knopfaugen in einen bis in den späten Frühling dauernden Winterschlaf. Den grössten Teil des Jahres bekommt man den süssen Bilch also nicht zu Gesicht, da er frostsicher bis zu einem Meter tief unter der Erde vor sich hin schnarcht.
Text: Paul Herberstein
Löcher, die etwa umgefallene Baumriesen durch ihre Wurzelteller in den Waldboden reissen, sind oft willkommene Winterquartiere. Der Nager ist aber auch imstande, sich selbst ein geeignetes Heim zu buddeln.
Besonders gemütlich macht es sich der Siebenschläfer dort aber nicht. Er setzt sich mit dem Hinterteil auf die nackte Erde, rollt sich zur Kugel, hebt die Pfoten vom kalten Boden weg und legt das Näschen auf den Bauch. Am Ende wird noch der buschige Schwanz als Winterdecke über die kälteempfindlichsten Stellen wie Pfoten und Nase gelegt. In dieser Haltung senkt der Siebenschläfer dann seine Körpertemperatur bis fast zum Gefrierpunkt ab und verharrt so bis zur warmen Jahreszeit – ohne unterirdischen Futtervorrat, einzig auf das Fett an den eigenen Rippen angewiesen. Das hungrige Erwachen beginnt meist im Mai.
In den wenigen wachen Wochen des Jahres lassen es die Siebenschläfer aber richtig krachen. Einmal aus den Erdlöchern gekrochen, haben sie neben der Paarung und der Kinderaufzucht vor allem eines im Sinn: das Fressen. Aufgeregt, hell und metallisch schallt es dann vornehmlich durch den stockfinsteren Laubwald, wenn die Siebenschläfer lautstark aus ihren Baumhöhlen klettern und die Nacht zum Tag machen.
Die grossen Knopfaugen und die langen Tasthaare im Gesicht lassen erahnen, wie gut die Tiere für das nächtliche Leben ausgestattet sind. Zudem sorgen feine, äusserst bewegliche Zehen dafür, dass der Siebenschläfer selbst glatte Buchenstämme mühelos hinunter und wieder hinauf klettern kann. Der buschige Schwanz hilft, das Gleichgewicht zu halten, und wird zum Steuerruder bei weiten Sprüngen.
Der graubraune Bilch hält sich am liebsten zwischen den Ästen in luftiger Höhe auf. Dort findet er seine Leibspeise: die besonders nahrhaften Nüsse der Buche, die Bucheckern. Daneben knacken Siebenschläfer mit ihren scharfen Zähnchen auch Eicheln oder Nüsse. In Mastjahren leben sie daher wie im Paradies. Sind solche Köstlichkeiten allerdings rar, nehmen die Nager auch mit Knospen und Blättern vorlieb. Ganz oben auf dem Speiseplan stehen zudem Wildobst wie etwa Himbeeren oder Brombeeren. Siebenschläfer machen aber auch vor keinem Garten halt, wenn dort reife Zwetschgen oder Äpfel locken. Gibt es allerdings nur wenige, für den Fettaufbau wichtige Baumfrüchte, zieht sich der kleine Nager mitunter bereits nach zwei bis drei Wochen wieder zum Winterschlaf zurück. Im Extremfall schlummert er also mehr als elf Monate im Jahr.
Gefahr droht dem Siebenschläfer vor allem vom Uhu und dem kletterfreudigen Marder. Die tierischen Räuber wissen genau: In den wenigen Wochen, in denen die Siebenschläfer unterwegs sind, bleibt einfach keine Zeit für lange Versteckspiele und Ruhepausen. Schliesslich müssen sich die Tiere möglichst viel Fett für den Winterschlaf anfuttern.
Vor dem Menschen muss sich der hierzulande eher seltene Nager nicht fürchten: Er steht unter Artenschutz. Dennoch gibt es Personen, die nicht gut auf das Tier zu sprechen sind: Haus- und Hüttenbesitzer, auf deren Dachböden es sich mehrköpfige Siebenschläfer-Familien im Sommer so richtig gemütlich gemacht haben. Die felligen Untermieter werden genau dann polternd munter, wenn der Hausbesitzer eigentlich schlafen möchte. Zum Trost: Der nächtliche Spuk sollte spätestens ab Herbst wieder zu Ende sein. Dann, wenn die Siebenschläfer wieder für Monate unter der Erde verschwinden oder am Dachboden still zusammengekauert auf den nächsten Sommer warten.

