Der Ruggeller Vorsteher Christian Öhri tritt im März zum zweiten Mal zur Wahl an. Im Interview blickt er zurück auf seine erste Amtszeit und zeigt auf, was er in einer zweiten gerne bewegen würde. Zusammengefasst lautet sein Ziel, dass Ruggell sich weiterentwickelt und sich als Gemeinde dennoch treu bleibt.
Interview: Heribert Beck
Herr Gemeindevorsteher, Sie sind kürzlich von der FBP-Ortsgruppe offiziell als Vorsteherkandidat für die Wahlen vom März 2027 nominiert worden und möchten Ruggell damit weitere vier Jahre führen. Was ist Ihre wichtigste Motivation, nochmals anzutreten – und was möchten Sie in einer zweiten Amtszeit anders machen als in der ersten?
Gemeindevorsteher Christian Öhri: Die Aufgabe als Gemeindevorsteher macht mir sehr viel Freude. Besonders motivieren mich die Begegnungen und Gespräche mit den Einwohnerinnen und Einwohner von Ruggell sowie die Möglichkeit, gemeinsam mit dem Gemeinderat und unserer Verwaltung etwas zu bewegen. Wir konnten in den vergangenen Jahren vieles umsetzen und noch mehr auf den Weg bringen. Diese Arbeit möchte ich sehr gerne weitere vier Jahre fortsetzen.
Gleichzeitig habe ich in meiner ersten Amtszeit viel gelernt: gut zuhören, unterschiedliche Interessen abwägen – und dann auch entscheiden und Verantwortung übernehmen. Man kann nicht immer allen Erwartungen gerecht werden. In einer zweiten Amtszeit möchte ich noch klarer Prioritäten setzen und mich auf die Themen konzentrieren, die Ruggell langfristig weiterbringen. Und persönlich gehört für mich auch dazu, neben dem Amt genügend Zeit für meine Familie und für mich selbst zu haben.

Wenn Sie auf die vergangenen dreieinhalb Jahre zurückblicken: Was ist bereits gelungen und bei welchem Thema würden Sie heute sagen, dass Sie noch nicht dort sind, wo Sie sein wollten?
Wir konnten in vielen Bereichen einiges bewegen: Das Generationenhaus ist im Bau, beim Schulzentrum Ruggell geht es vorwärts, wir haben stark in den Hochwasserschutz sowie in unsere Sport- und Freizeitinfrastruktur investiert und das Angebot im öffentlichen Verkehr deutlich verbessert. Gleichzeitig konnten wir die finanzielle Situation der Gemeinde trotz hoher Investitionen stärken und den Gemeindesteuerzuschlag von 180 auf 150 Prozent senken. Auch soziale Angebote konnten wir ausbauen sowie unsere moderne und dienstleistungsorientierte Verwaltung mit dem Umbau des Empfangsraums im Rathaus weiterentwickeln.
Wo wir unerwartet vor einer grösseren Herausforderung stehen, ist bei der Fuss- und Radverkehrsbrücke Sennwald–Ruggell. Die 5. Generation des Agglomerationsprogramms Werdenberg–Liechtenstein erhält keine Bundesförderung, weil im Gesamtprogramm gewisse Grundanforderungen nicht erfüllt wurden. Damit fehlt uns ein wichtiger Finanzierungsbeitrag. Wir arbeiten deshalb intensiv an einer anderen Lösung. Gleichzeitig müssen wir noch deutlicher aufzeigen, warum diese Brücke so wichtig ist – insbesondere für die Sicherheit des Fuss- und Radverkehrs zwischen Ruggell und Sennwald.
Mit dem Kauf des ehemaligen Café-Öhri-Areals hat die Gemeinde eine strategisch wichtige Liegenschaft im Dorfkern erworben. Was soll dort langfristig entstehen – und wie stark wollen Sie die Entwicklung des Dorfzentrums abseits von diesem Projekt noch steuern?
Mit diesem Grundstück hat die Gemeinde eine grosse Chance erhalten. Zusammen mit den bereits vorhandenen gemeindeeigenen Flächen können wir einen zusammenhängenden Bereich mitten im Dorf entwickeln. Ich wünsche mir einen lebendigen Dorfkern, in dem man sich gerne aufhält und begegnet und in dem verschiedene Nutzungen Platz finden. Die Gemeinde soll diese Entwicklung aktiv mitgestalten, aber nicht alles selbst bestimmen. Ein Dorfzentrum lebt auch von privaten Initiativen, vom Gewerbe, von Gastronomie – und vor allem von den Menschen, die es nutzen.
Ruggell hat finanziell ein überaus gutes Jahr 2025 hinter sich und konnte nicht zuletzt deshalb den Gemeindesteuerzuschlag schneller als geplant senken – Sie haben das Thema bereits angeschnitten. Wie viel finanziellen Spielraum hat die Gemeinde künftig mit einem Zuschlag von 150 Prozent? Und wofür sollen die Mittel genutzt werden?
Das Jahr 2025 war finanziell sehr erfreulich. Gleichzeitig wissen wir, dass insbesondere die Erträge aus der Wirtschaft von Jahr zu Jahr stark schwanken können. Die Senkung des Gemeindesteuerzuschlags auf 150 Prozent ist gut vertretbar. Ruggell verfügt weiterhin über eine solide finanzielle Basis und kann die anstehenden Investitionen bewältigen – etwa in den Bereichen Bildung, Betreuung, Hochwasserschutz, Verkehr und Infrastruktur. Mein Ziel ist dabei nicht, möglichst viel Geld auszugeben, sondern sinnvoll zu investieren und gleichzeitig auch ein gutes Polster für schlechtere Zeiten zu schaffen.
Ihre Gemeinde beschäftigt sich inzwischen intensiv mit Parkraumbewirtschaftung und dem Problem von Dauerparkern. Was ist konkret geplant, wann tritt die anvisierte Regelung in Kraft und wo ziehen Sie die Grenze zwischen einer sinnvollen Verkehrslenkung und zusätzlichen Einschränkungen für die Bevölkerung?
Unser Ausgangspunkt ist einfach: Öffentliche Parkplätze sollen jenen zur Verfügung stehen, für die sie vorgesehen sind. Wenn sie dauerhaft als kostenlose Abstellflächen oder Pendlerparkplätze genutzt werden, funktioniert das irgendwann nicht mehr. Deshalb führen wir eine Parkraumbewirtschaftung mit der blauen Parkscheibe und einer maximalen Parkdauer von drei Stunden ein. Sie gilt voraussichtlich von Montag bis Freitag, jeweils von 7 bis 17 Uhr. Veranstaltungen am Abend und am Wochenende sind somit nicht betroffen. Damit schaffen wir aus meiner Sicht eine einfache und verhältnismässige Lösung, ohne die Bevölkerung unnötig einzuschränken. Im Herbst werden die notwendigen Vorbereitungen vorgenommen und die Signalisationen vorbereitet. Start ist am 1. Januar 2027 – ab dann wird die Regelung auch kontrolliert.

Beim öffentlichen Verkehr gab es in den vergangenen Monaten heftige Diskussionen um die Verbindung Ruggell–Schellenberg. Nun wird diese Linie wieder aufgenommen. Haben Sie noch weitere Wünsche an Regierung und LIEmobil? Wird Ruggell eventuell sogar selbst tätig, wie es die Oberländer Gemeinden mit ihren Ortsbussen vormachen?
Ich freue mich, dass die Verbindung Ruggell–Schellenberg wieder aufgenommen wird, und hoffe natürlich, dass sie nun auch rege genutzt wird. Insgesamt hat sich unser ÖV-Angebot erfreulich entwickelt: im 15-Minuten-Takt Richtung Oberland, stündlich zum Bahnhof Salez und neu halbstündlich direkt nach Feldkirch. Der Stadtbus Feldkirch übernimmt für uns teilweise die Funktion eines Ortsbusses, indem er das Unterdorf erschliesst und bis zum Industriering fährt. Daran beteiligt sich die Gemeinde mit jährlich 117’000 Franken. Mit diesem Angebot sind wir heute sehr gut aufgestellt.
Die Erweiterung der Deponie Limsenegg ist ein grosses Infrastrukturvorhaben. Wie ist der aktuelle Stand, wie wichtig ist die Deponie für die Entwicklung Ruggells – und wie erklären Sie den Einwohnerinnen und Einwohnern die damit verbundenen Eingriffe?
Die Erweiterung der Deponie Limsenegg ist ein langfristiges Infrastrukturprojekt mit einem Zeithorizont bis ins Jahr 2140. Die einzelnen Etappen werden sorgfältig geplant und durchlaufen die entsprechenden Bewilligungsverfahren. Eine funktionierende Deponie ist für unsere Gemeinde und letztlich für das gesamte Unterland eine wichtige Infrastruktur. Wer baut oder saniert, muss Aushub und altes Material irgendwo fachgerecht ablagern können. Natürlich sind damit auch Eingriffe verbunden. Gerade deshalb ist es wichtig, diese sorgfältig zu planen, die Auswirkungen möglichst gering zu halten und transparent darüber zu informieren.

Ruggell wurde kürzlich zum dritten Mal als «Kinderfreundliche Gemeinde» zertifiziert. Was bedeutet Kinderfreundlichkeit heute konkret – und wo sehen Sie trotz vieler Angebote noch Handlungsbedarf?
Die erneute Auszeichnung freut mich sehr. Kinderfreundlichkeit bedeutet für mich aber nicht in erster Linie ein Label. Entscheidend ist, dass Kinder, Jugendliche und Familien gerne in Ruggell leben und dass die Jüngsten bei Themen, die ihre Lebenswelt betreffen, auch gehört werden und mitwirken können. Dazu gehören gute Bildungs- und Betreuungsangebote, sichere Schulwege sowie genügend Möglichkeiten für Spiel, Bewegung und Begegnung. UNICEF gibt uns dabei seit 2018 einen wertvollen Rahmen und ermöglicht einen guten Austausch mit anderen Gemeinden sowie Weiterbildungen. Diese Zusammenarbeit hilft uns, uns laufend weiterzuentwickeln und Kinder und Jugendliche aktiv einzubeziehen.

Wenn ich höre, mit welchen
Herausforderungen Gemeinden in anderen europäischen Ländern teilweise konfrontiert sind, wird mir immer wieder bewusst, wie gut wir es in Liechtenstein haben. Das bedeutet nicht, dass bei uns alles perfekt ist oder dass wir
Probleme nicht ernst nehmen
sollten. Aber ich wünsche mir,
dass wir das, was wir haben, wieder etwas mehr schätzen und gemeinsam Sorge dazu tragen.
Sie vertreten Liechtenstein im Auftrag der Vorsteherkonferenz im Kongress der Gemeinden und Regionen des Europarats. Verändert dieser internationale Austausch manchmal auch Ihren Blick auf Liechtenstein und Ruggell?
Auf jeden Fall. Ich fahre gerne nach Strassburg und danach umso lieber wieder nach Hause. Wir sind Teil Europas und bringen uns dort aktiv ein. Gleichzeitig bekommt man einen anderen Blick auf die eigene Gemeinde und unser Land. Wenn ich höre, mit welchen Herausforderungen Gemeinden in anderen europäischen Ländern teilweise konfrontiert sind, wird mir immer wieder bewusst, wie gut wir es in Liechtenstein haben. Das bedeutet nicht, dass bei uns alles perfekt ist oder dass wir Probleme nicht ernst nehmen sollten. Aber manchmal würde uns etwas mehr Perspektive guttun. Vieles, was für uns selbstverständlich geworden ist, ist es anderswo überhaupt nicht. Ich wünsche mir deshalb, dass wir das, was wir hier haben, wieder etwas mehr schätzen und gemeinsam Sorge dazu tragen. Ein gutes Gemeinwesen funktioniert für mich dann am besten, wenn nicht nur die eigenen Interessen zählen, sondern umso mehr das Miteinander.

Welches Resümee möchten Sie – im Falle Ihrer Wiederwahl – in einem Interview in vier Jahren in Bezug auf Ihre zweite Amtszeit ziehen?
Ich würde gerne zurückblicken und sagen können: Ruggell hat sich sehr gut weiterentwickelt und ist trotzdem Ruggell geblieben. Dass wir wichtige Projekte erfolgreich abgeschlossen, neue Ideen umgesetzt und gleichzeitig das bewahrt haben, was unser Dorf ausmacht. Am wichtigsten wäre mir aber, dass die Menschen weiterhin gerne in der Gemeinde leben, sich wohlfühlen und sagen können: Ruggell ist ein guter Ort zum Leben – für Jung bis Alt. Wenn uns das gelingt, ist das für mich das schönste Resümee.


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