Die zehnte Auflage des «Princely Tattoo» Anfang September war gleichzeitig auch die letzte. Initiator und Produzent Pascal Seger und der Künstlerische Leiter Jean-Luc Kühnis blicken zurück auf eine unvergleichliche Zeit.

Interview: Johannes Kaiser

 

Das Produktionsteam des «Princely Tattoo»: Christian Marti (Musikalischer Leiter), Pascal Seger (Produzent) und Jean-Luc Kühnis (Künstlerischer Leiter). Foto: Michael Zanghellini

 

Wie ist die Idee für das «Princely Tattoo» auf der Burgruine in Schellenberg geboren worden?

Pascal Seger: Irgendwann im Herbst 2011 spazierte ich durch das wunderschöne Vaduzer Städtle, und ein einzelner Dudelsackspieler spielte. Er war es, der den Gedanken, dass so ein Event mit Schottland und Dudelsack in unserem Land noch fehlt, auslöste. An sich hatte ich nur einen gemütlichen Abend im Sinn. Die Idee eines Tattoos entstand erst im Austausch mit meiner Frau Manuela. Sie hatte zuvor schon einmal das «Royal Edinburgh Military Tattoo» besucht. Die Idee gefiel mir sehr gut und wuchs innert kurzer Zeit vom kleinen gemütlichen Abend zum eigenen Tattoo – aber auch dann war uns nicht klar, was es für wunderbare, aber auch anstrengende Ausmasse annehmen würde.

 

Foto: Michael Zanghellini

 

Was fasziniert dich und euch dermassen an dieser Tattoo-Tradition?

Jean-Luc Kühnis: Für mich ist es die Faszination, dass verschiedene Puzzle-Teile, verschiedene Kulturen und Stilrichtungen sich individuell vorbereiten, im Vorfeld abstimmen und dann in der «Princely-Woche» ineinander verschmelzen. Auf und neben der Showfläche. Die Tattoos leben auch von einer gewissen Masse an Musikerinnen und Musikern, und Tänzerinnen und Tänzern. Diese zu «handlen», auf und neben der Showfläche, ist eine Herausforderung und gleichzeitig eine wunderschöne Aufgabe. Wenn dann die Teilnehmenden mit dem Publikum verschmelzen, ist das ein faszinierender Moment.

 

Dankbarkeit und Stolz waren an allen zehn Ausgaben des «The Princely Liechtenstein
Tattoo» sehr stark zu spüren. Foto: Tatjana Schnalzger

 

Im September dieses Jahres ging die zehnte und zugleich letzte Grossveranstaltung dieser Art vor der einzigartigen Kulisse der Burgruine Schellenberg über die Bühne. Wie beschreibst du die Entwicklung von der ersten bis zur zehnten Auflage des «Princely Tattoo»?

Pascal Seger: In diesen zehn Ausgaben über insgesamt 14 Jahre haben wir uns seh stark weiterentwickelt. Am einfachsten sieht man dies an drei Dingen. Erstens an der Entwicklung unserer Infrastruktur. Bei der ersten Ausgabe gab es noch keine Bühne. Die damals «nur» 200 Teilnehmenden präsentierten ihr Können auf der Wiese. Man kann sich vorstellen, wie schnell daraus bei Regen eine Schlammschlacht geworden wäre. Aber auch die Festwirtschaft bestand damals nur aus einem Wurst- und Brot-Stand sowie zwei Getränkeständen, wenigen Festbänken und einigen Stehtischen. Zweitens zeigt die Entwicklung sich an der Qualität der Teilnehmenden. Wir konnten uns in der Welt der Tattoo- und Marchingbands trotz, oder vielleicht gerade wegen, unserer Kleinheit einen ausgesprochen guten Namen machen. Dadurch erhielten wir immer mehr Anfragen aus Europa und der ganzen Welt und konnten uns die Teilnehmenden oft aussuchen. Mit der steigenden Qualität an Formationen wuchsen aber auch deren Ansprüche. Beispielsweise reichte eine Zivilschutzanlage irgendwann nicht mehr als Unterkunft aus. Drittens zeigt sich die Veränderung an der Zahl der Helferinnen und Helfer: Im ersten Jahr waren wir fünf Freiwillige. Heute sind wir ein Team aus 160 wunderbaren Menschen, die mit Herzblut, Leidenschaft und grossem Engagement über 7’000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit leisten. Trotz all den Weiterentwicklungsschritten, die wir gemacht haben, haben wir aber immer darauf geachtet, unsere Entwicklung sorgfältig zu bedenken und jeden Schritt wohlüberlegt zu gehen. Denn die Kosten hatten wir immer sehr gut im Auge.

 

Zahlreiche Stände und das eigene Pub «The Cattle Grid» sorgten für kulinarische Vielfalt und Genuss – bei wunderbarem Wetter. Foto: Tatjana Schnalzger

 

Alles, was Rang und Namen auf der internationalen Tattoo-Bühne hat, ist in Liechtenstein aufgetreten. Welche Exklusivitäten hatte das Princely-Tattoo 2026?

Jean-Luc Kühnis: Auf der Bühne der Burgruine durften wir tatsächlich in jeder Ausgabe staunen, und jede einzelne Performance hat uns berührt. Von der ersten Auflage bis zur Ausgabe 2026 war uns als Produktionsteam immer wichtig, neben etablierten Top-Acts auch Formationen eine Chance und Plattform zu geben, die so etwas zum ersten Mal erleben. Der spezielle Zauber, den wir dann gemeinsam erschaffen haben, führte dazu, dass die Teilnahme bei uns für viele Formationen zu einem Karriere-Highlight wurde. Dass wir dies ermöglichen konnten, macht mich sehr stolz. Die Profi-Formationen, die sich Auftritte an zahlreichen internationalen Tattoos gewohnt sind, konnten wir durch unsere sehr persönliche Atmosphäre und symphytische Betreuung für uns begeistern. Die grosse Exklusivität und quasi der rote Faden der Show 2026 war die «2Step Dance Company» aus Belgien. Die rund 20 jungen Tänzerinnen und Tänzer haben mit ihrer Lebensfreude, ihrer Energie, Synchronität und Kreativität uns, alle Teilnehmenden und das Publikum mitgerissen, wie dies bei uns noch nie ein Act gemacht hat. Dass dabei Kollaborationen mit der britischen Armee, dem «Army Engagement Ensemble» und unserer burgeigenen «Princely Castle Band» entstanden sind, freut mich ganz besonders. Auch wenn die Tänzerinnen und Tänzer schon rund um die Welt auf grossen Bühnen unterwegs waren: Das Erlebnis, bei uns zu Livemusik zu tanzen war für sie äusserst speziell.

Das Ganze auf die Reihe zu kriegen, bedingt eine riesige Organisation. Wann begann die Vorbereitung, welche Schritte waren die wichtigsten und wie viele Leute zählten zum Staff?

Pascal Seger: Die Auswahl der teilnehmenden Formationen war jeweils ein laufender Prozess, der sich oft über die Ausgaben hinaus überschnitten hat. Sehr früh erfolgte auch die Buchung der zahlreichen Räumlichkeiten – angefangen mit der Burgruine selbst über die Räume und Plätze in Schellenberg und Vaduz bis zu grossen Kontingenten an Hotelzimmern im Land. Die Organisation «Princely Tattoo» besteht aus verschiedenen Gruppen. Der Vereinsvorstand hat insbesondere strategische Aufgaben und umfasst sieben Personen. Das Kernteam besteht aus den Leiterinnen und Leitern der insgesamt zwölf Teams. Und in diesen Teams arbeiten dann insgesamt rund 160 Personen mit. Alle ehrenamtlich und voller Herzblut, Leidenschaft und Begeisterung. Zusätzlich dazu gibt es den Verein «Freunde des «Princely Tattoo» mit über 100 Mitgliedern und den ebenfalls selbständig organisierten Verein «Princely Castle Band».

In diesem Zug gehören ausserdem die zahlreichen Sponsoren, Partner und Unterstützer erwähnt. Auch sie haben oft Überdurchschnittliches geleistet, um unseren Anlass zu ermöglichen.

Gibt es irgendwelche vergleichbare Locations bei anderen Tattoos? Die Bühne auf der Burgruine Schellenberg ist wohl kaum zu toppen?

Pascal Seger: Wenn wir den vielen Rückmeldungen unserer über die Jahre sehr zahlreichen Teilnehmenden glauben dürfen, dann gehört die Teilnahme an unserem «Princely Tattoo» bei den allermeisten zu den absoluten Highlights. Die einzigartige Location und Kulisse der Burgruine gehört da gemeinsam mit der von uns verströmten, herzhaften und sehr familiären Atmosphäre zu den Hauptgründen. Das hat zu einem fantastischen Ruf geführt, wodurch wir beispielsweise auch zu Anfragen aus Australien, Kanada und Afrika gekommen sind. Das ist schon sehr speziell, da wir ja eigentlich ein vergleichsweise kleines Tattoo sind.

 

 

«Princely Tattoo Parade» im Vaduzer Städtle mit 800 Teilnehmenden und rund 6’000 Gästen. Foto: Michael Zanghellini

 

Welches sind deine prägendsten Erinnerungen über all die Jahre?

Jean-Luc Kühnis: Sehr viele. Zum einen ist da der Zusammenhalt im PLT-Team. Wir hatten als Openair-Veranstalter nicht immer Wetterglück. Trotzdem haben wir jede Ausgabe mit rund 300 Künstlerinnen und Künstlern gerockt, auch bei richtig, richtig viel Regen. Und dabei war dem ganzen PLT-Team und den Teilnehmenden immer klar: Das ziehen wir durch. Diese Kraft des gemeinsamen Durchziehens, gegenseitigen Unterstützens und Beflügeln – das war sehr prägend. Wenn ich eine besondere Erinnerung nennen muss, sind es die Rollschuhfahrerinnen aus Estland, das «Precision Team Phoenix», die mit ihren schnellen waghalsigen Choreografien um jeden Preis ihre Show zeigen wollten, aber auf eine trockene Bühne angewiesen waren. Das ganze Team hat jeweils angepackt, geschrubbt, getrocknet, und alle haben mitgefiebert. Der Zusammenhalt, der da zwischen Künstlerinnen und freiwilligen Helferinnen und Helfern entstand, ist fantastisch. Weiter sind es die vielen Freundschaften, die auf dem Burghügel entstanden sind. Nicht wenige Formationen und Menschen haben heute noch regen Kontakt und pflegen diese Freundschaften. In diesem Sinn ist das «Princely Tattoo» auch ein Netzwerkgefäss über die Musikszene hinaus – das freut mich ganz speziell.

Warum gibt es keine 11. und 12. «Princely Tattoo»-Saison in Schellenberg und Liechtenstein?

Pascal Seger: Seit der ersten Ausgabe war mir klar, dass die Finanzierung dieses Anlasses eine grosse Herausforderung ist. Grund dafür ist insbesondere die kaum vorhandene Infrastruktur auf der historischen und denkmalgeschützten Burgruine. Strom, Wasser und Abwasser sind lediglich bei der Pfadi-Holzhütte verfügbar und müssen von dort auf das gesamte Areal verteilt oder durch zusätzliche Lösungen abgedeckt werden. Aufgrund der Besonderheit des Geländes benötigen wir zahlreiche Gerüstbauten, um die Burgruine für unsere 300 Teilnehmenden und insgesamt 2’100 Gäste zugänglich zu machen. Und natürlich müssen wir in gewissem Masse auch «wetterfest» sein. Das löst insgesamt hohe Kosten aus. Dazu kommen 300 Teilnehmende aus ganz Europa, die für knapp eine Woche in Liechtenstein untergebracht, von uns verpflegt und transportiert werden. Und die Realität war von Anfang an, dass die natürlichen Einnahmen, also Ticketing und Abendumsatz, die entstehenden Gesamtkosten nur zu einem kleinen Teil decken. Entsprechend sind wir sehr dankbar, dass wir über all die Jahre auf zahlreiche sehr grosszügige Sponsoren, Partner und Unterstützer zählen durften.

Dennoch war es uns leider nie möglich, eine gewisse Sicherheit über die nächste Ausgabe hinaus zu erhalten, was dazu führte, dass die Sicherung der Finanzierung eine der aufwendigsten Aufgaben des «Princely Tattoo»-Teams war. Und diese Aufgabe geht einher mit einer grossen Verantwortung für den Anlass insgesamt, aber insbesondere auch für die zahlreichen engagierten Partner.

Da ich in meinem beruflichen Leben eine Kommunikations- und Eventagentur führe, kam oft das Gefühl auf, dass das «Princely Tattoo» auch eine Einnahmequelle für mich sei. Tatsächlich ist es aber so, dass unser «Princely Tattoo» über all die Jahre auch für mich Leidenschaft, Begeisterung und ein grosses Hobby war, für das ich meine Zeit – sehr oft auch zu Lasten meiner Familie – sehr gerne eingesetzt habe. Ich habe aber über die vergangenen Jahre gespürt, wie die grosse Verantwortung hinsichtlich der Finanzierung und der für deren Sicherung notwendige, sehr grosse Zeitaufwand anfing, mir die Freude an unserem so besonderen Anlass zu nehmen. Nach reiflicher Überlegung und in engem Austausch mit meiner Frau Manuela, dem Vereinsvorstand und unserem Kernteam kamen wir dann Anfang des Jahres zum Schluss, die zehnte auch zur letzten Ausgabe zu machen.
Ich bin stolz und dankbar auf das, was wir gemeinsam als grosses PLT-Team geschaffen haben. Zehn Ausgaben dieses «Princely Tattoo» auf dieser wunderbaren, aber sehr schwer zugänglichen Burgruine zu veranstalten, ist eine grossartige Leistung und absolut keine Selbstverständlichkeit. Auch freut es mich, dass wir diesen Entscheid frühzeitig kommuniziert haben. Damit konnten wir alle, die Teilnehmenden und unsere zahlreichen Gäste, die fantastischen Shows auf der historischen Burgruine Schellenberg nochmals so richtig geniessen.

 

Brachte das Ehrenamt auf die Bühne: das eigens zusammengestellte «PLT-Musical Ensemble». Foto: Michael Zanghellini

 

Das «Princely Tattoo» ist und war ein wirksamer kultureller Botschafter, der Liechtenstein viel Sympathie, Euphorie und auch viele Gäste ins Land gebracht hat.

Pascal Seger: Ich nehme erfreut zur Kenntnis, dass das eigentlich gar keine Frage, sondern eine Feststellung ist. Ich glaube tatsächlich auch, dass uns das wirklich gelungen ist. Mir war persönlich immer wichtig, dass unsere Teilnehmenden nicht nur das «Princely Tattoo» erleben, sondern auch Einblick erhalten in unser wunderbares und besonderes Liechtenstein. Deshalb haben wir von Anfang an Ausflüge organisiert, bei denen sich jeweils jede und jeder Einzelne sein passendes Programm auswählen konnte. Die einen erhielten dadurch Einblick in die Funktionsweise von Demokratie und Monarchie in Liechtenstein, andere genossen eine leichte Wanderung im Malbun oder machten eine geführte Landesrundfahrt. Neben unseren Teilnehmenden konnten wir mit dem «Princely
Tattoo» aber auch zahlreiche Besucherinnen und Besucher aus dem nahen und fernen Ausland nach Liechtenstein locken. Diese verknüpften den Besuch meist auch mit einem Aufenthalt im Land.

Was waren die absoluten Highlights?

Pascal Seger: 2017 hatten wir drei Tage massiven Dauerregen. Das forderte uns enorm – das Team, alle involvierten Partner und auch die Musikerinnen und Musiker, und Künstlerinnen und Künstler. Vor der ersten Show habe ich mir gedacht: «Wenn ich nicht hier sein müsste, wäre ich, glaube ich, nicht hier». Entsprechend hatte ich die Befürchtung, dass die Tribüne leer bleibt. Als es dann losging und die Tribüne sich Platz für Platz füllte, bis sie komplett voll war, war ich absolut sprachlos. Unseren Teilnehmenden ging es wohl gleich, denn sie dankten es den Zuschauerinnen und Zuschauern mit vollem Einsatz, und das führte trotz allen Herausforderungen zu drei fantastischen Shows. Und am Ende jeden Abends hatten wir alle zwei Dinge gemeinsam: Innerlich fühlten wir eine riesige Begeisterung, und äusserlich waren wir «pflotschnass» bis auf die Unterhosen.

Jean-Luc Kühnis: Für mich ist es das Setting auf der Burgruine, das unzählige wunderbare Begegnungen ermöglicht hat. Wir konnten eine eigene Welt mit extrem viel Liebe zum Detail erschaffen, die für viele Helferinnen und Helfer, und Künstlerinnen und Künstler, eine Bubble der Freude, der Offenheit, des Experimentierens, des Erlebens erzeugt hat. Die Entwicklung, die auf der Burgruine, aber auch an der «Princely Tattoo Parade» in Vaduz, stattgefunden hat, ist für mich das absolute Highlight. Die Gewissheit und die vielen Feedbacks, dass dieses Erlebnis in der «Princely Tattoo»-Bubble im Team wie auch bei den Künstlerinnen und Künstlern aus nah und fern gleichsam geschätzt, ja sogar geliebt wurde, macht mich extrem dankbar und stolz.

 

Der letzte Ton, der auf der Bühne der Burgruine leise verhallte, stammte von einem einzelnen Dudelsackspieler. Foto: Michael Zanghellini

Eindrückliche Zahlen

  • Über 7’000 Stunden Ehrenamt durch rund 160 freiwillige HelferInnen
  • 800 JungmusikantInnen und Musikant­Innen, TänzerInnen, VertreterInnen von Brauchtum und Tradition haben an der «Princely Tattoo Parade» 2026 teilgenommen.
  • In 14 Jahren haben insgesamt 2’820 Teilnehmende aus 16 Nationen an den Shows im Schellenberg teilgenommen.
  • 8’000 ZuschauerInnen über drei Tage in Schellenberg und Vaduz.
  • Jährlich hat unsere Küchencrew über 4’500 Mahlzeiten zubereitet.
  • 70 m lang war der Ausleger unseres Baukrans – unser kräftigster Helfer.
  • Rund 1’500 Übernachtungen in Liechtenstein allein durch Teilnehmende pro Ausgabe.
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