Liechtenstein gehörte 1806 zu den Gründungsmitgliedern des Rheinbunds. Diese Vereinigung von 16 Teilstaaten, die von Napoleon gegründet wurde, löste sich vom römisch-deutschen Reich. Die Staaten, darunter auch Liechtenstein, erhielten damit ihre Selbständigkeit. 1956 feierte Liechtenstein das Jubiläum «150 Jahre Souveränität» mit einem grossen Fest.

Text: Günther Meier

Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, das bis 1806 bestand, gab es keine volle staatliche Souveränität für die Mitgliedsstaaten. Auf Initiative des französischen Kaisers Napoleon wurde in jenem Jahr der Rheinbund gegründet. Die in diesem Bündnis vereinigten deutschen Staaten traten aus dem Deutschen Reich aus und erhielten damit die staatliche Souveränität. Das Ziel Napoleons, den Rheinbund zu einem Staatenbund auszubauen, scheiterte an der Uneinigkeit der unterschiedlichen Mitglieder. Dem Fürstentum Liechtenstein, das ebenfalls Aufnahme im Rheinbund fand, wurde damit die Eigenständigkeit als Staat zuerkannt. Liechtenstein trat 1813, nach der Niederlage Napoleons nach der Völkerschlacht bei Leipzig gegen Russland, Preussen, Österreich und Schweden, aus dem Rheinbund aus und vollzog 1815 den Beitritt zum Deutschen Bund, der sich am Wiener Kongress gebildet hatte. Auch bei diesem Beitritt wurde Liechtenstein die Souveränität zugesichert, womit Liechtenstein als einziges der ehemaligen Mitglieder des Rheinbundes und des Deutschen Bundes bis heute selbständig geblieben ist.

Umzug durchs Städtle am 8. September 1956; Quelle: Liechtensteinisches Landesarchiv / Vaduz; B 274/001/020

Der Rheinbund verlieh Liechtenstein die Souveränität
Das im Jahr 1719 gebildete Fürstentum Liechtenstein, nachdem das Fürstenhaus Liechtenstein die Herrschaft Schellenberg und die Grafschaft Vaduz erworben hatte, gehörte geografisch nicht zum Raum der süd- und südwestlichen Kleinstaaten, die Napoleon zum Rheinbund zusammengefügt hatte. Dennoch nahm Napoleon das kleine Fürstentum am Alpenrhein in das Bündnis auf und verlieh ihm die staatliche Souveränität. Historiker haben herausgefunden, dass auf der Gründungsurkunde die Unterschrift von Fürst Johann I. fehlt. Napoleon habe das Fürstentum in die Allianz aufgenommen, weil er den Fürsten als Friedensunterhändler nach der Schlacht bei Austerlitz kennen- und schätzengelernt habe – die Aufnahme in den Rheinbund sei wohl als Ehrung für den Fürsten gedacht gewesen. Liechtenstein wurde mit der Mitgliedschaft im Rheinbund und durch die Person des Fürsten, wie Georg Malin in seiner Dissertation «Die politische Geschichte des Fürstentums Liechtenstein in den Jahren 1800–1815» schreibt, «eng mit dem Geschehen im Ausland verbunden».

Die staatliche Souveränität war für die Zukunft des kleinen Landes von entscheidender Bedeutung. Im Land selbst aber herrschte bittere Armut, wie aus einer Schilderung des Chronisten Johann Georg Helbert hervorgeht: «Armselig sah es in dieser Zeit in unserem Ländlein aus, dass es nicht zu beschreiben ist. Im Mai 1800 mussten 300 Mann ab dem Eschnerberg über den Rhein, um die Haagerau auszureuten, damit die Österreicher auf die Strassen sehen konnten. Während die Franzosen in Sennwald und zu Werdenberg standen. Gross war der Jammer bei Frauen und Kindern, dass man ihre Gatten und Väter also blossstelle. Als die Franzosen ins Land kamen, nahmen die Requisitionen an Wein, Brot, Fleisch und anderem kein Ende. Unter dem Vieh brach die Klauenseuche aus. Mit jedem Monat kamen Forderungen an Geld oder Naturalien vom Schwäbischen Kreis und von Vorarlberg. Der Sommer war heiss und es gab viel Wein. Dagegen war das Jahr 1801 nass. Am 12. April fiel ein so tiefer Schnee, dass die Bäume brachen und im Heumond tat der Hagel grossen Schaden. Im Jahr 1802 reiste der Landvogt Menzinger nach Ulm, um dem Abschluss der Kreisrechnung beizuwohnen. Unsere Kriegsschuld ist so gross, dass Kind und Kindeskinder daran zu zahlen haben.»

1956 – Gedenken und Feier zur Erlangung der Souveränität
Rund 150 Jahre später sah es anders aus im Land. Während zwei Tagen, am 8. und 9. September 1956, feierte Liechtenstein das Jubiläum «150 Jahre Souveränität» mit einer Reihe von Festivitäten, die das Historische mit dem Aktuellen zu verbinden suchten. Der damalige Regierungschef Alexander Frick schrieb in einem Beitrag über die Entstehungsgeschichte Liechtensteins, bezugnehmend auf das Überleben des Landes trotz «grossen Einschmelzungsprozessen», womit er wohl die Kriege im 19. Jahrhundert und vor allem die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert meinte: Manche sehen darin einen Zufall, andere eine Laune der Geschichte. Wir Liechtensteiner wissen, dass wir unsere Eigenstaatlichkeit nicht klugen Politikern, nicht der Tapferkeit unserer Vorfahren, sondern der gütigen Vorsehung Gottes zu verdanken haben. Sie lenkte vor mehr als einem Vierteljahrtausend die Aufmerksamkeit des mächtigen, edlen Fürstengeschlechtes der Liechtensteiner auf das kleine Erdenfleckchen am oberen Rhein, und dieses Fürstenhaus hatte dank seiner ruhmreichen Vergangenheit und dem ständig anhaltenden Ansehen genug Einfluss auf die Politik beim Kaiserhof in Wien, dass sein Land am jungen Rhein stets als Staat respektiert wurde.»

Im Rahmen der Feierlichkeiten gestaltete jede Gemeinde in einem grossen Festumzug ein anderes geschichtliches Ereignis, was in der Gesamtheit ein anschauliches Bild der Staatswerdung von den Römern bis in die Neuzeit ergab. Die «Landesgruppe» präsentierte das Wappen des Fürstenhauses, zeigte Soldaten beim letzten Feldzug des liechtensteinischen Heers von 1866 und die Goldene Kutsche, den Prunkwagen, in dem Fürst Wenzel 1760 am Hofe Ludwigs XV. in Versailles einfuhr, um Prinzessin Isabella von Parma für die Hochzeit in Wien abzuholen.

Eine weitere Impression vom Umzug am 8. September 1956 / Urheber: Baron Eduard von Falz-Fein, Vaduz; Quelle: Liechtensteinisches Landesarchiv / Vaduz; B 274/001/061

Eingeleitet wurden die Festlichkeiten für die Bevölkerung mit einem Kinderfest. Über 2600 Kinder hatten sich auf dem festlich geschmückten Vaduzer Marktplatz eingefunden und unterhielten die Festbesucher mit ihren Darbietungen. Eindrücklich der Umzug durch Vaduz, bei dem die Mädchen und Buben in Einheitskleidung blau-rote und gold-rote Fähnchen schwenkten.

Beim eigentlichen Festakt erinnerte Landtagspräsident Alois Ritter an die Aufnahme Liechtensteins in den Rheinbund, die im Land anfänglich auf Skepsis gestossen sei. Erst spätere Generationen hätten den Wert der Souveränität erkannt. Am Jubiläum könne Liechtenstein mit Dankbarkeit auf die Erlangung der Souveränität vor 150 Jahren zurückblicken, denn damit habe das Fürstentum trotz seiner Kleinheit seine Eigenständigkeit erhalten können. Auch Regierungschef Alexander Frick schlug in seiner Ansprache den Bogen von der Situation von 1806 in die aktuelle Zeit, die aber ebenso Herausforderungen mit sich bringe. Er zählte notwendige Reformen auf und appellierte an den Zusammenhalt der Bevölkerung: «Wir sind eine winzig kleine Nation und könnten es uns nicht leisten, dass sich unser Völklein in einander sich bekämpfende Klassen aufteilen würde.»

Fürst Franz Josef II. rief in seiner Dankesrede dazu auf, in grosser Dankbarkeit den Vorfahren zu gedenken, die mit unerschütterlichen Treue und Vaterlandsliebe den Grundstein gelegt hätten – den Grundstein, auf dessen festem Boden man zum Wohl des Landes weiterbauen könne.

Fürst Franz Josef II. und Fürstin Gina bei der Feier 150 Jahre Souveränität / Urheber: Walter Wachter, Schaan; Quelle: Liechtensteinisches Landesarchiv / Vaduz; SgAV 01 N 031/386

Liechtenstein – Souveränität bis heute
Die Zuerkennung der staatlichen Souveränität im Jahr 1806 sicherte Liechtenstein die Existenz als Staat. Gleichzeitig erhielt es die Möglichkeit, Verträge mit anderen Ländern abzuschliessen oder Bündnissen beizutreten. Ohne die Öffnung gegenüber der übrigen Staatenwelt wäre das Überleben eines so kleinen Landes kaum möglich gewesen. Schon 1852 schloss Liechtenstein mit dem Nachbarland Österreich einen Zollvertrag und wurde damit in das österreichische Wirtschafts- und Währungssystem eingebunden. Als die Donaumonarchie nach dem Ersten Weltkrieg zerfiel, ersuchte Liechtenstein um den wirtschaftlichen Anschluss an die Schweiz. Mit Erfolg, denn seit 1923 bestehen sehr enge Wirtschaftsbeziehungen zwischen den zwei Nachbarländern. Die nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzenden Integrationsbestrebungen führten zu Sonderlösungen für Liechtenstein, die aber die Grundkonstruktion des Zollvertrags nicht beeinträchtigten. So wurde das Verhältnis zur EFTA mit einem separaten Protokoll geregelt: Die Freihandelszone besteht für Liechtenstein so lange, wie der schweizerisch-liechtensteinische Zollvertrag besteht. Auch beim Beitritt Liechtensteins zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), den die Schweiz in einer Volksabstimmung zuvor abgelehnt hatte, wurde aufgrund der Souveränität Liechtensteins eine Sonderregelung gefunden werden: Liechtenstein konnte dem EWR beitreten und gleichzeitig die Zoll- und Währungsunion mit der Schweiz beibehalten. Den Beitritt zum Europarat und zu den Vereinten Nationen als Vollmitglied ermöglichte nicht zuletzt die international anerkannte Souveränität des Fürstentums Liechtenstein.

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