Jule Insinna hat sich in den vergangenen Monaten zu Liechtensteins Aushängeschild in der Leichtathletik entwickelt. Die 22-jährige Schaanerin ist aktuelle Schweizer Meisterin im Diskuswerfen und vertrat das Land kürzlich an der EM in Birmingham. Jule Insinna trainiert und studiert in Ulm. Sportlich peilt sie die 60-Meter-Marke im Diskuswerfen an, beruflich steht die Liechtensteinerin vor dem Bachelor-Abschluss in der Molekularen Medizin.

Interview: Chrisi Kindle

Wie sie ausgerechnet zum Diskuswerfen gekommen ist, wie sie sich in ihrer Wahl-Heimat Ulm zurechtfindet, was sie in ihrer Freizeit tut und welche Ziele sie in den kommenden Jahren erreichen will, verrät Jule Insinna im Interview.

Jule, wie bist du zur Leichtathletik gekommen und warum ausgerechnet zum Diskuswerfen?
Jule Insinna: Meine Familie hatte schon immer eine Verbindung zur Leichtathletik. Meine jüngere Schwester war ebenfalls lange Zeit beim LC Schaan aktiv. Ich wollte es im Grundschulalter dann auch einmal ausprobieren. Nach dem ersten Schnuppertraining war ich aber nicht so begeistert, da wir so viel rennen mussten, und habe wieder aufgehört. So richtig angefangen hat es dann erst mit ungefähr 14 Jahren. Wir konnten in der Realschule wählen, ob wir neben dem regulären Sportunterricht eine zusätzliche Doppelstunde Sport besuchen möchten – und das habe ich getan. Unser Sportlehrer war damals Günter Wenaweser, der, wie es der Zufall will, auch Leichtathletik-Trainer beim LC Schaan ist. Er hat mich dann in einer Sportstunde angesprochen und gefragt, ob ich nicht einmal einen Diskus werfen möchte. Nach ein paar Würfen hat er mir gesagt, dass ich Talent hätte und doch mal im Training vorbeischauen solle. Dort habe ich anfangs auch noch andere Disziplinen trainiert, es war jedoch sofort klar, dass das Diskuswerfen mal meine Hauptdisziplin werden wird. So bin ich praktisch durch das Diskuswerfen zur Leichtathletik gekommen, aber laufen tue ich auch heute noch nicht gerne (lacht).

EM als eindrückliches Erlebnis

Mit der Qualifikation für die EM in Birmingham hast du kürzlich erstmals die Atmosphäre eines Grossanlasses kennenlernen dürfen. Welche Eindrücke sind dir geblieben und wie zufrieden warst du mit deinem Abschneiden?
Nachdem ich in den vergangenen Jahren schon an einigen internationalen Wettkämpfen hatte starten dürften, unter anderem auch an der U23-EM vergangenes Jahr in Norwegen, war mir vieles bekannt. Somit konnte ich recht entspannt anreisen, da die Abläufe immer sehr ähnlich sind. Trotzdem habe ich gemerkt, dass es dieses Mal doch etwas Besonderes war. Alle Athleten um mich herum waren die Besten Europas in ihren jeweiligen Disziplinen, und das ist schon ein tolles Gefühl. Ich habe einige Sportler gesehen, die ich bis dahin nur aus dem Fernsehen und von Social Media kannte. Diese dann jeden Morgen beim Frühstück zu sehen und zu merken, dass es auch nur Menschen sind, war cool. Mit meinem Abschneiden bin ich im insgesamt zufrieden. Die Weite hätte natürlich mehr sein können. Ich war «guat zwäg», und das Ziel beim Saisonhöhepunkt ist es natürlich immer, Bestweite zu werfen, was ich mit 51,22 Metern nicht ganz geschafft habe. Trotzdem bin ich sehr zufrieden, da ich auf den Wettkampf fokussieren und meine Leistung abrufen konnte. Ich konnte alles aufsaugen und richtig geniessen.

Dank Jule Insinna ging nach 30 Jahren wieder einmal ein Schweizer Leichtathletik-Meistertitel
nach Liechtenstein.

Seit Ende Juli darfst du dich Schweizer Meisterin im Diskuswerfen nennen. Wie stolz macht dich dieser Titel?
Ich habe den Titel bereits in den Nachwuchskategorien gewinnen können, und auch bei den Aktiven stand ich schon einige Male auf dem Podest, aber halt nie ganz oben. Dass es dieses Jahr dann, nach so einer konstant guten Saison, endlich gereicht hat, bedeutet mir viel. Kurz nach dem Wettkampf habe ich auch erfahren, dass ich seit 30 Jahren die erste Liechtensteinerin bin, die in der Leichtathletik einen Schweizer Meistertitel bei den Aktiven ins Land holt. Das macht mich schon sehr stolz – auch dass dadurch die Leichtathletik wieder mehr Beachtung findet. Sicher braucht es auch keine weiteren 30 Jahre mehr, bis der nächste Schweizer Meistertitel zu uns ins Land kommt, ob von mir oder einem der anderen talentierten Liechtensteiner Leichtathleten.

Bei diesen Titelkämpfen hast du deinen eigenen Liechtensteiner Landesrekord auf 53,85 Meter verbessert. Siehst du die 60-Meter-Marke irgendwann als realistisches Ziel?
Ja, die 60 Meter sind auf jeden Fall ein realistisches Ziel für die nächsten Jahre. Wenn ich gesund weiter trainieren kann und meine Lebenssituation weiterhin so bleibt, dass ich so viel in den Sport investieren kann, sehe ich mich in Zukunft auf jeden Fall bei über 60 Metern.

Der aktuelle Landesrekord steht bei 53,85 Metern, Jule Insinna hält eine Steigerung auf über 60 Meter für möglich. Foto: Roman Jäger

Ideale Rahmenbedingungen in Ulm

Mit Beginn deines Studiums hast du deinen Lebensmittelpunkt nach Ulm verlagert, trainierst und startest für den SSV Ulm. Wie erlebst du die Bedingungen dort und als wie hilfreich siehst du den Wechsel nach Deutschland für deine sportliche Karriere?
In Ulm habe ich sehr gute Rahmenbedingungen für die duale Karriere. So habe ich einerseits zu den unterschiedlichsten Tageszeiten Zugang zum Trainingsgelände und kann die Trainingseinheiten somit sehr individuell gestalten. Zudem habe ich neben meinem Haupttrainer Michael Lischka auch die Möglichkeit, bei einem Athletiktrainer des Vereins zweimal pro Woche ein Kraft- und Stabilisationstraining zu absolvieren. Andererseits lässt sich das Training auch gut mit dem Studium vereinbaren. Ich bin als Spitzensportlerin an der Uni eingeschrieben und konnte somit bei Kursen, die sich abends mit dem Training überschnitten haben, mit der Studienkoordinatorin passende Lösungen finden. Von ihr wurde ich, so weit es ihr möglich war, zu 100 Prozent unterstützt. Jetzt bin ich mit allen Univeranstaltungen im Bachelor-Studiengang, die eine Anwesenheitspflicht haben, fertig. Somit geht ab jetzt alles noch ein wenig einfacher. Einer der Hauptgründe für den Wechsel nach Deutschland war auch, dass die Deutschen schon immer sehr gute Diskuswerfer hatten und ich von diesem System profitieren wollte. Mit meinem Trainer habe ich einen ehemaligen WM-Teilnehmer an meiner Seite, der mir sowohl im Diskuswerfen als auch bei allem drum herum viel beibringt. Somit war der Schritt nach Deutschland aus meiner Sicht ein sehr wichtiger für meine sportliche Karriere.

Konzentrierst du dich voll und ganz auf das Diskuswerfen oder versuchst du dich auch noch in anderen Disziplinen?
Das Diskuswerfen ist meine Hauptdisziplin. In den vergangenen Jahren habe ich nebenher auch immer noch ein bisschen Kugelstossen trainiert. Dieses Jahr wollten wir den Fokus komplett auf den Diskus legen, und das hat sich ausgezahlt. Im nächsten Jahr findet allerdings wieder eine europäische Team-Meisterschaft statt. Neben dem Diskuswerfen könnte ich dort das Team Liechtenstein mit Kugelstossen unterstützen, was ich natürlich gerne machen würde. Das heisst: Ich werde in den kommenden Monaten sicher wieder einmal eine Kugel in die Hand nehmen. Ansonsten probiere ich mich in meiner Saisonpause gerne auch in allen möglichen anderen Disziplinen aus, das dann aber nur zum Spass und aus Freude an der Bewegung.

Das LOC unterstützt dich in Form eines Sport-Stipendiums. Inwiefern kannst du davon profitieren und wie sieht diese Unterstützung konkret aus?Genau, das LOC hat mir die Chance gegeben, mich beim Internationalen Olympischen Komitee auf ein Stipendium zu bewerben, das mich auf dem Weg zu den Olympischen Spielen begleitet. Die Unterstützung ist finanziell, sodass ich die Ausgaben, die der Leistungssport so mit sich bringt, decken kann. Von Physiotherapie, über neue Ausrüstung bis hin zu Trainingslagern und Reisen zu Wettkämpfen hilft mir das Stipendium sehr.

Los Angeles ‘28 als grosses Ziel

Für jeden Sportler und jede Sportlerin ist die Teilnahme an Olympischen Spielen das Grösste. Ist Los Angeles 2028 für dich ein Traum, der wahr werden könnte?
LA28 ist auf jeden Fall ein Ziel, auf das ich hinarbeite. Wenn ich weiterhin solche Fortschritte machen kann, wie in den vergangenen Jahren, ist es ein erreichbares Ziel (klopft auf Holz).

Was sind grundsätzlich die nächsten Ziele von Jule Insinna, zum einen sportlich und zum anderen beruflich?
Sportlich gesehen ist das nächste Jahr ein wichtiges. Es gibt viele internationale Wettkämpfe, bei denen ich gerne dabei sein möchte. Neben den europäischen Team-Meisterschaften wird es 2027 auch eine Weltmeisterschaft bei den Aktiven geben, die ein nächstes grosses Ziel ist. Auch die Kleinstaatenspiele werden nächstes Jahr wieder durchgeführt. Zudem möchte ich mich in der Weltrangliste weiter nach vorne arbeiten, was auch im Hinblick auf die Qualifikation für die Olympischen Spiele wichtig ist. Am besten gelingt das an Wettkämpfen, die höher gewertet sind, wie zum Beispiel bei Teilen der Continental Tour. Ich durfte dieses Jahr schon an zwei Continental Tour Bronze-Meetings starten und würde nächstes Jahr gerne auch an Silber- Meetings teilnehmen. Beruflich ist auf jeden Fall der Bachelor-Abschluss in der Molekularen Medizin eines meiner grossen Ziele. Zudem ist es ein kleiner Traum von mir, mein Hobby etwas mehr zu meinem Beruf zu machen und mich in der Liechtensteiner Sportwelt stärker zu engagieren. Als Mitglied in der Athletenkommission von Liechtenstein Olympic und Ambassador gegen Spielmanipulation habe ich diesbezüglich bereits erste Erfahrungen gesammelt.

Bleibt für dich neben Studium und Sport auch Zeit für andere Dinge und was sind deine Hobbys?
Auf jeden Fall. Viele meiner Freunde sind auch Sportler und wissen also, was das bedeutet. Da trifft man sich auch mal nach dem Training noch zum gemeinsamen Essen oder zu Spieleabenden. Ich geniesse es sehr, Menschen um mich herum zu haben, die mich unterstützen und verstehen, was ich mache. Zudem lese ich gerne und ich backe gerne, wenn ich freie Tage habe – zur Freude meiner Mitbewohnerin.

Previous articleLandesbudget 2027 mit 58 Mio. Franken Gewinn