Christopher Hilti ist 29 Jahre jung und wohnhaft in Schellenberg. Er hat sein Studium an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich erfolgreich abgeschlossen und widmete seine Masterarbeit einem sehr interessanten Thema – einem Thema, über das alle wissen, dass es real in der Gesellschaft verbreitet ist, über das aber kaum offen gesprochen wird. Titel der Masterarbeit: «Von der Illegalität zur Regulierung – Einstellungen, Verhalten und Präferenzen im Wandel einer möglichen Cannabislegalisierung in Liechtenstein». In einem interessanten Gespräch gibt Christopher einen tieferen Einblick in diese Thematik.

Interview: Johannes Kaiser

Christopher, hast du nach der Matura gleich deine Wunsch-Studienrichtung gefunden?
Christopher Hilti: Nach der Matura habe ich zunächst eine verkürzte Lehre als Kaufmann im Treuhandbereich absolviert. Erst danach habe ich mich entschieden, an die Universität zu gehen. Bei der Studienwahl haben mich die Bereiche Architektur und Wirtschaft besonders interessiert. Nach einem kürzeren Praktikum in der Architekturbranche habe ich gemerkt, dass mein Interesse an wirtschaftlichen Themen deutlich grösser ist, und so habe ich mich schliesslich für ein Wirtschaftsstudium entschieden.

Bei deiner Masterarbeit hast du dich einer interessanten und auch sehr sensiblen Thematik gewidmet, einer möglichen Cannabislegalisierung mit Schwerpunkt Liechtenstein? Wie bist du zu dieser Fokus-Frage gekommen?
Für mich war eigentlich von Anfang an klar, dass meine Masterarbeit einen Bezug zu Liechtenstein haben sollte. Unter anderem finde ich, dass Liechtenstein aufgrund der kleinen Fläche und überschaubaren Bevölkerungszahl ein sehr interessantes Land ist, um neue Ansätze auszuprobieren und deren Auswirkungen zu untersuchen. Aus persönlichem Interesse hatte ich über zwei Themen nachgedacht, wobei ich mich ursprünglich mit erneuerbaren Energien beschäftigen und der Frage nachgehen wollte, ob Liechtenstein langfristig energieautark werden könnte. Dafür standen mir von liechtensteinischen Unternehmen allerdings nicht genügend Daten für eine fundierte Analyse zur Verfügung. Als nächstes Thema widmete ich mich dem Drogenkonsum und der Frage, ob eine Regulierung gesellschaftlich und wirtschaftlich sinnvoller sein könnte als eine reine Kriminalisierung der Konsumenten, wobei ich persönlich in einer sinnvollen Regulierung mehr Potenzial sehe. Mein Professor hat mir dann geholfen, dieses relativ breite Thema stärker einzugrenzen, und so bin ich schliesslich bei Cannabis und einer möglichen Legalisierung in Liechtenstein gelandet.

Dieses Thema hat in gewissem Sinne eine Daueraktualität ohne Ablaufdatum.
Ja, zweifellos. Es ist wirklich langzeitaktuell, da sich auch die Nachbarländer Schweiz, Deutschland und Österreich intensiv mit einer Form der Cannabisregulierung beschäftigen. Gerade die Entwicklungen in der Schweiz und in Deutschland könnten direkte Auswirkungen auf Liechtenstein haben.

Cannabis-Konsum ist ein Thema, über das in der Gesellschaft nicht gerne geredet und somit unter der Decke gehalten wird. Wie kommt man da zu Daten, Zahlen, Fakten …?
Das war tatsächlich eine der grössten Herausforderungen bei meiner Arbeit. In Liechtenstein war und ist Substanzkonsum in Teilen der Gesellschaft ein Tabuthema. Viele Menschen sprechen nicht offen darüber, sei es aus Angst vor gesellschaftlicher Verurteilung oder weil sie negative Konsequenzen befürchten. Dadurch ist es schwierig, ein realistisches Bild der tatsächlichen Konsumrealität zu bekommen, was auch bei der liechtensteinischen Gesundheitsbefragung untergeht. Für meine Masterarbeit musste ich die Daten deshalb selbst erheben, und ich habe sehr viel Zeit dafür aufgewendet, Teilnehmer für meine anonyme Online-Umfrage zu finden. Gerade bei einem solchen Thema ist man darauf angewiesen, dass die Menschen bereit sind, ehrlich über ihre Erfahrungen und Einstellungen zu sprechen.

Gleichzeitig hatte ich durch persönliche Gespräche rund um die Befragung auch mit sehr vielen Nicht-Konsumenten und Gegnern einer Legalisierung Kontakt. Dabei ist mir aufgefallen, dass vor allem persönliche Schicksalsschläge oder negative Erfahrungen mit Drogen im eigenen Umfeld, beispielsweise in der Familie, oft zu einer deutlich kritischeren Haltung gegenüber einer Regulierung führen. Das ist natürlich nachvollziehbar. Aus meiner Sicht bedeutet eine Regulierung aber nicht, dass man Konsum fördern möchte. Vielmehr hätte der Staat bessere Möglichkeiten, in einem kontrollierten Rahmen Qualität, Zugang und damit Jugendschutz zu regulieren und somit bei problematischem Konsum gezielt einzugreifen. Zudem besteht neben den sozialen und gesellschaftlichen auch eine finanzielle Komponente eine Regulierung. Gerade bei einem sensiblen Thema wie diesem halte ich deshalb einen offenen und faktenbasierten Umgang für sinnvoller als eine reine Verdrängung oder Kriminalisierung.

Du hast eine anonyme Online-Umfrage mit Teilnahmeberechtigung ab 16 Jahren zum Thema Cannabis durchgeführt, um zu erfassen, wie die Bevölkerung in Liechtenstein darüber denkt. Und? Was denkt sie darüber?
Das vielleicht auffälligste Ergebnis im Hinblick der Einstellung ist, dass rund 69 Prozent der Befragten einer möglichen Cannabislegalisierung grundsätzlich positiv gegenüberstehen. Gleichzeitig zeigt sich aber, dass es den Menschen nicht einfach um ein «legal oder illegal» geht. Die konkrete Ausgestaltung einer Regulierung spielt eine wichtige Rolle, insbesondere kontrollierte Verkaufsformen, klare Regeln, Qualitätssicherung und Jugendschutz. Bei den Ergebnissen muss man allerdings eine gewisse Vorsicht walten lassen. Die Teilnahme war freiwillig, weshalb vermutlich Personen mit eigener Konsumerfahrung oder einer grösseren Nähe zum Thema eher bereit waren, an der Umfrage teilzunehmen. Das zeigt sich auch statistisch sehr deutlich, wobei Personen mit eigener Konsumerfahrung einer Legalisierung rund sechs Mal wahrscheinlicher zuzustimmen. Trotz dieser möglichen Verzerrung halte ich die 401 eingegangenen Antworten für interessant, weil sich daraus klare Tendenzen erkennen lassen und fast 1 Prozent der liechtensteinischen Bevölkerung abgebildet wurde. Natürlich kann man die Ergebnisse aufgrund der Selbstselektion nicht eins zu eins auf die gesamte Bevölkerung übertragen. Sie geben aber einen guten Einblick in die Einstellungen und Präferenzen der Personen, die an der Befragung teilgenommen haben.

Wie zeigt sich das Bild der Situation in Liechtenstein? Gibt es Cannabis-Points, welches ist das Konsumenten-Klientel, ist die Jugend besonders gefährdet?
In meiner Stichprobe gaben 65 Prozent an, bereits mehrfach Cannabis konsumiert zu haben. Aufgrund der Selbstselektion ist dieser Wert jedoch wahrscheinlich überschätzt. Meine Hochrechnung der aktuellen Konsumierenden kommt wiederum, je nach Schätzmethode, auf rund 36 Prozent, und selbst bei einem angenommenen Bias von 50 Prozent verbleiben etwa 18 Prozent aktuell Konsumierende. Damit zeigt sich, dass Cannabis auch bei einer eher vorsichtigen Betrachtung keine reine Randerscheinung in Liechtenstein ist. Ein bestimmtes Konsumentenklientel lässt sich hingegen nicht erkennen. Natürlich sind jüngere Personen unter den Konsumenten tendenziell stärker vertreten, grundsätzlich zieht sich der Konsum aber durch verschiedene Altersgruppen, Berufsgruppen und soziale Schichten. Es ist also nicht so, dass Cannabis nur in einem bestimmten gesellschaftlichen Umfeld konsumiert wird. Auffällig ist vielmehr die Bedeutung des sozialen Umfelds. 75 Prozent der Konsumierenden gaben an, Cannabis über Freunde zu beziehen, und gut die Hälfte konsumiert überwiegend mit Freunden in kleiner Runde. Gleichzeitig berichteten rund 60 Prozent von Mischkonsum mit Alkohol und 16 Prozent von zusätzlichem Konsum anderer Substanzen, wobei wir wieder zum Thema des generellen Substanzkonsums kommen.

Würde eine Legalisierung zu mehr Jugendkonsum führen?
Bei Jugendlichen muss man mit den Ergebnissen meiner Studie vorsichtig sein, weil sie aufgrund von Schwierigkeiten bei der Kontaktaufnahme in meiner Stichprobe deutlich unterrepräsentiert waren. Deshalb kann ich daraus nicht seriös ableiten, ob eine Legalisierung zu mehr Jugendkonsum führen würde. Interessant finde ich aber, dass über verschiedene Gruppen hinweg, also bei Konsumenten, Nicht-Konsumenten, Minderjährigen und Erwachsenen, etwa 80 Prozent angaben, auch nach einer möglichen Legalisierung nicht erneut konsumieren beziehungsweise Cannabis nicht ausprobieren zu wollen. Das relativiert für mich zumindest die Vorstellung, dass eine Legalisierung automatisch dazu führen würde, dass plötzlich ein grosser Teil der Bevölkerung mit dem Konsum beginnt.

Wie geht es mit deiner wissenschaftlichen Analyse und deiner Masterthesis weiter. Kommt es auch zur politischen Diskussion – auf die Bühne des Landtags und der Regierung, für welche die Volksgesundheit ein zentrales Gut ist?
Gute Frage. Bis jetzt hat sich daraus leider noch keine konkrete politische Diskussion ergeben. Während meiner Befragung gab es aber durchaus Berührungspunkte mit öffentlichen Institutionen. Über das Schulamt wollte ich beispielsweise einen besseren Zugang zu Jugendlichen und deren Eltern erlangen, was mir aufgrund bildungspolitischer Gründe aber verwehrt wurde. Ich hoffe deshalb, dass dieser Beitrag vielleicht eine Diskussion anstossen kann. Mir wäre wichtig, dass man in Liechtenstein offen und sachlich über die bestehende Konsumrealität und die Möglichkeiten einer Regulierung spricht, anstatt das Thema einfach auszublenden.

Könnte Liechtenstein eine Vorreiterrolle einnehmen und könntest du dir diesbezüglich ein Engagement vorstellen?
Ich interessiere mich persönlich auch sehr für Politik und glaube, dass Liechtenstein bei neuen gesellschaftlichen Themen – wie auch bei diesem – durchaus eine Vorreiterrolle einnehmen könnte. Auch kann ich mir vorstellen, mich in Zukunft stärker politisch zu engagieren. Mir ist auch bewusst, dass eine solche Diskussion bei uns nicht einfach ist. Selbst bin ich aber jederzeit offen dafür und würde mich auch gerne aktiv einbringen, wobei ich mich für Gespräche mit momentanen politischen Entscheidungsträgern gerne zur Verfügung stelle.

Danke, Christopher, für dieses sehr interessante, engagierte und mit bemerkenswertem Know-how reflektierte Gespräch mit dir.



Einblick in die Masterarbeit von Christopher Hilti

Gerne lädt Christopher Hilti alle Interessierten dazu ein, einen Blick in seine Masterarbeit zu werfen.

Kontakt:
Instagram:
https://www.instagram.com/chrig_hilti?igsi=MTNmbXZiZDduNG43OA==

oder per E-Mail an
christopher.hilti@uzh.ch

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