Die Erderwärmung verändert die Rahmenbedingungen des alpinen Skirennsports in Europa grundlegend. Was für die breite Öffentlichkeit zunehmend als verkürzte Wintersaison sichtbar wird, entwickelt sich für den Leistungssport zu einem strukturellen Problem: Schnee und Eis stehen dort nicht mehr zuverlässig zur Verfügung, wo Elite- und ProfisportlerInnen traditionell trainieren.

Besonders betroffen sind die Gletschergebiete der Alpen. Sie waren über Jahrzehnte ein zentraler Bestandteil der Vorbereitung auf die alpine Wintersaison, weil dort bereits im europäischen Sommer Trainingsmöglichkeiten auf Schnee bestanden. Doch steigende Temperaturen, schwindende Schneereserven und der Rückzug der Gletscher führen dazu, dass diese Trainingsmöglichkeiten immer häufiger eingeschränkt oder wie 2026 ganz eingestellt werden müssen. Die nahegelegenen Trainingsgebiete in Zermatt, Saas-Fee und am Stilfser Joch konnten allesamt den zehrenden Sommermonaten nicht mehr standhalten und schlossen ihre Pisten Anfang August.

Gletschertraining in Europa wird zunehmend unmöglich

Für den alpinen Rennsport ist diese Entwicklung besonders problematisch. Die SpitzenathletInnen des LSV im Elite- und Juniorenbereich benötigen im Sommer und Frühherbst möglichst viele Trainingstage auf hochwertigem Schnee, um Technik, Materialabstimmung und Rennlinien auf höchstem Niveau zu trainieren. Für die Disziplinen Riesenslalom, Slalom, Super-G und Abfahrt, wie sie im Weltcup und bei internationalen Meisterschaften gefahren werden, ist ein gezieltes Training auf präparierten Pisten kaum durch alternative Trainingsformen wie moderne Skihallen, Skiteppiche und andere innovative Konzepte zu ersetzen.

Die zunehmende Erwärmung macht die europäischen Gletscher jedoch zu einem immer unsichereren Trainingsort. Die schwindende Qualität des Schneetrainings und auch die Sicherheit spielen dabei eine immer größere Rolle. Die extreme Hitze des Sommers 2026 hat beispielsweise in den französischen Alpen zu einer erheblichen Destabilisierung hochalpiner Gebiete geführt. Durch das Auftauen von Permafrost und Eis verändern sich Fels- und Gletscherstrukturen und somit auch die sicheren Bedingungen für Pistenarbeiter und Skirennläufer- Innen.

Ausweichen auf die Südhalbkugel

Für den Skiverband bedeutet diese Entwicklung, dass die Trainingsplanung zunehmend globalisiert werden muss und bisherige Budgetplanungen nicht mehr als gegeben genommen werden können. Wenn in Europa während des Sommers keine ausreichenden Bedingungen vorhanden sind, müssen die Top-AthletInnen Charlotte Lingg und Madeleine Beck dorthin reisen, wo zu dieser Jahreszeit Winter herrscht. Besonders interessant sind dabei hochgelegene Skigebiete in Chile und Argentinien. Ushuaia im Süden Argentiniens hat sich beispielsweise zu einem bedeutenden Trainingsstandort für internationale Skiteams entwickelt. 2026 nutzt erstmals auch wieder das Damenteam des LSV um Lingg und Beck die südamerikanischen Winterbedingungen. Chefcoach Kurt Mayr sah sich Mitte August gezwungen, das Schneetraining der beiden Weltcup-Starterinnen kurzerhand von der Schweiz nach Argentinien zu verlegen. Im Ski Resort Ushuaia findet das 5-köpfige Team ( 2 Coaches, 2 Athletinnen und ein Servicemann) beste Bedingungen, um im winterlichen Feuerland wichtige Trainingskilometer zu sammeln.

Liechtenstein blickt neuer Realität ins Auge

Die kurzfristige, fast blitzartige Umplanung des Trainings nach Argentinien zeigt, wie sich die Vorbereitung und finanzielle Planung eines kleinen nationalen Teams dramatisch verändert.

Erhebliche Kosten für das Gletschertraining in Übersee

Statt die Sommermonate wie traditionell auf europäischen Gletschern zu verbringen, müssen die AthletInnen und Betreuer auf die Südhalbkugel ausweichen. Für die Sportlerinnen ist diese Lösung sportlich sinnvoll und es ermöglicht ihnen weiterhin ein professionelles Training – organisatorisch und finanziell stellt sie jedoch eine erhebliche zusätzliche Belastung dar. Flugreisen nach Übersee, zusätzliche Transporte von Ski und Rennmaterial, Unterkunft, Verpflegung, Transfers, Betreuungspersonal und längere Aufenthalte verursachen Kosten, die bei einem Training in den Alpen deutlich geringer ausfallen würden. Die finanziellen Folgen können gerade für kleinere Nationen wie Liechtenstein besonders gravierend sein. Jede zusätzliche Reise bedeutet einen erheblichen finanziellen Aufwand. Gleichzeitig steigt der logistische Aufwand. Das gesamte Trainingsmaterial muss über weite Distanzen transportiert werden und das Trainerteam muss seine Planung stärker nach internationalen Flugverbindungen, Unterkünften und verfügbaren Trainingsfenstern richten.

So heisst es auch 2026/27 für das Führungsteam des LSV, eine strenge Budgetdisziplin einzuhalten, Partner und Sponsoren für den alpinen Skisport zu begeistern und das langfristig verfügbare Budget sinnvoll und nachhaltig einzusetzen. Denn wenn immer größere Teile des verfügbaren Sportbudgets für die Sicherstellung des Trainings eingesetzt werden müssen, fehlt es zukünftig an Eckpfeilern wie der Nachwuchsförderung, der Trainingsentwicklung oder zusätzlicher Betreuung. Diese problematische Entwicklung geht weit über den alpinen Skirennsport hinaus und spiegelt mehr als eine vorübergehende organisatorische Schwierigkeit wider. Der Skiverband Liechtenstein will an dieser Stelle darauf aufmerksam machen. Der Klimawandel verändert zunehmend bestehende Strukturen im Wintersport. Der nordische und alpine Skisport ist auf bestimmte klimatische Bedingungen angewiesen: ausreichend kalte Temperaturen, eine stabile Schneedecke und sichere Gletscher- und Pistenverhältnisse. Genau diese Voraussetzungen werden in den Alpen zunehmend unsicherer.  Das Verrückte daran ist, dass nun SportlerInnen, die einen Sport professionell auf höchstem Niveau betreiben wollen, der traditionell in den Alpen zu Hause ist, immer häufiger Tausende Kilometer weit fliegen müssen. Das erhöht nicht nur die Kosten, sondern auch den ökologischen Fussabdruck des Trainingsbetriebs. Somit führt der Klimawandel nicht nur zu einer sportlichen, sondern auch zu einer finanziellen und strukturellen Frage. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, wird die Fähigkeit, internationale Trainingslager zu finanzieren, zunehmend darüber entscheiden, ob der LSV seinen AthletInnen noch optimale Voraussetzungen für den Spitzensport bieten kann.

Die Frage für den alpinen Skisport lautet deshalb nicht mehr nur, wie man schneller Skifahren bzw. Skilaufen kann. Sie lautet zunehmend auch: Wo kann in Zukunft überhaupt noch trainiert werden – und wer kann sich dieses Training leisten?

 


BILD: Charlotte Lingg im Training in Ushuaia/Argentinien. 


 

 

 

 

 

 

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