Forum/Leserbrief: Initiative A

Sechs Jahre nach Beginn der Corona-Krise müsste die Aufarbeitung längst im Zentrum journalistischer Arbeit stehen. Stattdessen jedoch dominieren bei einem Grossteil der Medien noch immer Oberflächlichkeit oder gar Schweigen.

Der am 19. Juli im «Vaterland» veröffentlichte Agenturartikel über Anthony Faucis Anhörung vor dem US-Senat reduziert ein komplexes Thema auf eine persönliche Auseinandersetzung zwischen Fauci und Senator Rand Paul. Die eigentlichen Fragen bleiben weitgehend ausgeklammert. Vor allem auch die Frage, warum die an die Öffentlichkeit gelangten privaten Tagebuch-Einträge von Fauci an vielen Stellen ein anderes Bild zeichnen als jenes, das Fauci als eines der weltweit wichtigsten Gesichter der Pandemie der Öffentlichkeit erzählt hat. Dieser eklatante Wiederspruch deckt sich auch mit den RKI-Protokollen, in denen mehrfach etwas anderes steht, als die gegenüber der Regierung weisungsgebundene Behörde nach Aussen kommuniziert hat.

Wo ist die Einordnung der inzwischen veröffentlichten Dokumente in Medien wie dem «Vaterland»? Wo werden die offenen Fragen zur Entstehung des Virus, zum Umgang mit wissenschaftlicher Unsicherheit, zu politischen Entscheidungsprozessen oder zur Kommunikation der Behörden kritisch beleuchtet? Wo werden die Lehren aus den RKI-Protokollen, dem Gerichtsurteil gegen Biontech der letzten Woche oder anderen Veröffentlichungen aufgegriffen und journalistisch eingeordnet?

Wie immer fehlt unabhängiger Journalismus, eben um den gesamten Entscheidungsprozess der Pandemie kritisch zu analysieren. Welche Annahmen haben sich bestätigt? Welche waren falsch? Welche Empfehlungen beruhten auf belastbarer Evidenz und welche auf unvollständigem Wissen? Diese Fragen verdienen sorgfältige Recherche.

Der Pressekodex verlangt Wahrhaftigkeit, Sorgfalt und kritische Distanz gegenüber allen Machtzentren. Wer sich bei einem der einschneidendsten Ereignisse der jüngeren Geschichte auf einen reisserischen Agenturtext beschränkt, wird diesem Anspruch kaum gerecht.

Eine glaubwürdige Aufarbeitung bedeutet, alle relevanten Entwicklungen ernsthaft zu prüfen, unabhängig davon, ob sie Regierungen, Behörden, Wissenschaftler oder Kritiker betreffen. Die Bevölkerung hat Anspruch auf vollständige Einordnung statt selektiver Berichterstattung. Qualitätsjournalismus zeigt sich darin, unbequeme Fragen zu stellen und Antworten konsequent einzufordern. Genau daran fehlt es bis heute.

 

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