Dass sich die Umweltkommissionen aller Gemeinden in Liechtenstein erstmals zu einer gemeinsamen Exkursion trafen, ist ein Novum. Die Umweltschutzkommission Schellenberg organisierte dieses landesweite Treffen zusammen mit dem Fischereiverein Liechtenstein im Schellenberger und Ruggeller Riet. Gunter Dobratz, der Vorsitzende der Umweltschutzkommission Schellenberg, informiert über die Idee hinter dem Anlass und die Organisation.
Interview: Johannes Kaiser
Für die Idee eines landesweiten Treffens der Umweltkommissionen ist der Umweltkommission Schellenberg – vor allem Ihnen als Vorsitzender – zu gratulieren. Was hat Sie dazu bewogen?
Gunter Dobratz: Zunächst möchte ich betonen, dass dieser Anlass nicht mein Werk allein war. Er wurde von der Umweltkommission Schellenberg gemeinsam mit dem Fischereiverein Liechtenstein organisiert und umgesetzt. Alle Beteiligten haben mit viel Engagement dazu beigetragen, dass dieses erste landesweite Treffen stattfinden konnte. Viele Herausforderungen im Natur- und Umweltschutz enden nicht an Gemeindegrenzen. Genau deshalb fand ich es wichtig, dass wir die Vertreterinnen und Vertreter aller Umweltkommissionen einmal an einen Tisch beziehungsweise gemeinsam ins Riet bringen. Mir persönlich ist es wichtig, dass sich die Menschen hinter den verschiedenen Umweltkommissionen kennen. Das habe ich in der Vergangenheit etwas vermisst. Wer weiss, welche Erfahrungen oder welches Fachwissen jemand mitbringt, kann sich viel einfacher austauschen und gegenseitig unterstützen. Durch einen regelmässigen Austausch können einzelne ihre Erfahrungen und Kompetenzen auch den anderen Gemeinden zur Verfügung stellen. Davon profitieren am Ende alle – und vor allem unsere Natur. Das Treffen sollte deshalb nicht nur eine Exkursion sein, sondern der Auftakt für eine langfristige Vernetzung der Umweltkommissionen. Ich würde mich freuen, wenn daraus eine Tradition entstünde und wir künftig noch enger zusammenarbeiten würden.

Auf der Agenda stand ein spannender Einblick in die Natur und aktuelle Projekte im Schellenberger und Ruggeller Riet.
Bei der Gestaltung des Programms war uns wichtig, möglichst unterschiedliche Perspektiven auf das Schellenberger Riet zusammenzubringen. Deshalb haben wir bewusst verschiedene Fachpersonen eingeladen. Rudolf Staub stellte das Projekt «Reaktivierung Weiher im Schellenberger Riet» vor und zeigte auf, wie mit gezielten Massnahmen neuer Lebensraum für Amphibien und viele weitere Tierarten entsteht. Anschliessend gaben Jürgen und Rainer Kühnis spannende Einblicke in die Flora und Fauna des Riets und erklärten, weshalb dieses Gebiet zu den wertvollsten Naturräumen Liechtensteins gehört.

Hochschule Goldau/CH; Gunter Dobratz, Vorsitz Umweltkommission Schellenberg und Rudolf Staub von Renat, Biologe
Im Fokus stand das Projekt «Reaktivierung Weiher im Schellenberger Riet». Geht es rein um Biodiversität oder verfolgt das Projekt auch Retentionsziele?
Der Schwerpunkt liegt klar auf der Biodiversität. Mit der Aufwertung der Wasserfläche schaffen wir neuen Lebensraum für Amphibien, Insekten und zahlreiche weitere Tierarten. Das Besondere an diesem Projekt ist, dass eine eigenständige Wasserfläche entsteht, die nicht direkt mit den bestehenden Wasserläufen verbunden ist. Dadurch können Fische und andere Räuber nicht eindringen. Für Amphibien wie Frösche, Kröten oder Molche entstehen so deutlich bessere Bedingungen für die Fortpflanzung und die Entwicklung ihrer Larven. Solche Gewässer gehören zu den artenreichsten Lebensräumen überhaupt. Natürlich hat jede Wasserfläche auch positive Nebeneffekte für den Wasserhaushalt. Das eigentliche Ziel des Projekts ist jedoch, die ökologische Vielfalt im Riet nachhaltig zu stärken und gefährdeten Arten einen geschützten Lebensraum zu bieten.

Höchst interessant war sicherlich der Beitrag von Landwirt Leo Elkuch, der die Vergangenheit und Zukunft der Landwirtschaft im Riet wie kein anderer kennt.
Dieser Programmpunkt lag mir persönlich besonders am Herzen. Mir war wichtig, zu zeigen, dass erfolgreicher Natur- und Umweltschutz nur gemeinsam mit der Landwirtschaft funktioniert. Landwirte kennen ihre Flächen oft seit Jahrzehnten und verfügen über ein enormes Wissen über die Natur, in der sie täglich arbeiten. Gleichzeitig sind sie diejenigen, die viele der Vorgaben und Pflegemassnahmen in diesen sensiblen Naturräumen konkret umsetzen. Diese Zusammenarbeit ist für den langfristigen Erfolg des Naturschutzes unverzichtbar. Gerade diese unterschiedlichen Blickwinkel haben den Anlass so wertvoll gemacht. Alle Beteiligten verfolgen letztlich dasselbe Ziel: unsere einzigartige Natur auch für kommende Generationen zu erhalten.
Vor diesem Hintergrund hat euch Leo Elkuch auf seinem Hof empfangen. Wie haben Sie dies erlebt?
Leo Elkuch hat ein unglaubliches Wissen, und seine Erzählungen sind besonders authentisch. Er kann sich noch gut an die Anfänge des Naturschutzgebiets erinnern und erzählte eindrücklich, wie sich das Riet und die Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft und Naturschutz über die Jahrzehnte entwickelt haben. Dabei berichtete er auch vom früheren Torfstechen im Riet und davon, wie sich die Nutzung dieses Gebiets im Lauf der Zeit grundlegend verändert hat. Besonders spannend war sein persönlicher Einblick, wie es dazu kam, dass die Landwirte Aufgaben zur Pflege und zum Erhalt des Riets übernommen haben.
Ebenso interessant war seine Schilderung, wie sich das Bewusstsein innerhalb der Landwirtschaft verändert hat. Heute wird der Wert einer intakten Natur von vielen Landwirten ganz selbstverständlich mitgetragen. Sie leisten mit ihrer täglichen Arbeit einen wichtigen Beitrag zum Erhalt dieser einzigartigen Kulturlandschaft. Für mich war dieser Programmpunkt besonders wichtig. Naturschutz funktioniert nur dann langfristig, wenn alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Die Landwirtschaft ist dabei kein Gegner, sondern ein unverzichtbarer Partner. Deshalb war es uns wichtig, dieser Perspektive am Anlass genügend Raum zu geben.
Wie kann man die Entwicklung der Rietlandschaft und auch deren Lebensraum für die Tiere charakterisieren? Was hat sich im Lauf der vergangenen Jahrzehnte verändert?
Das Riet ist seit Jahrhunderten ein gemeinsamer Lebens- und Wirtschaftsraum der Gemeinden Schellenberg und Ruggell. Bereits vor vielen Generationen wurde das Gebiet unter den beiden Gemeinden aufgeteilt, und seither haben die Menschen das Riet genutzt und geprägt. Diese lange gemeinsame Geschichte macht das Gebiet bis heute zu etwas Besonderem. Früher stand die wirtschaftliche Nutzung im Vordergrund. Im Riet wurde Torf gestochen, die Flächen wurden landwirtschaftlich genutzt, und viele Familien aus Schellenberg und Ruggell hatten einen direkten Bezug zu diesem Gebiet. Heute ist das anders. Das Torfstechen gehört längst der Vergangenheit an, und auch die Zahl der Menschen, die selbst in der Landwirtschaft tätig sind, ist deutlich kleiner geworden. Gleichzeitig hat sich unser Blick auf das Riet verändert. Heute wissen wir, welch ausserordentlichen Wert diese Landschaft für die Biodiversität hat. Im Riet leben Tier- und Pflanzenarten, die äusserst selten geworden sind. Einige sind sogar weltweit nirgendwo sonst zu finden. Das zeigt eindrücklich, welche internationale Bedeutung dieser Naturraum hat.
Ihr Fazit über diesen ersten, vorbildlichen und innovativ gestalteten Umweltevent im Schellenberger Riet mit allen Umweltkommissionen des Landes?
Für mich war dieses erste landesweite Treffen ein voller Erfolg. Das Wichtigste ist erreicht: Wir kennen uns jetzt persönlich. Dadurch wird es viel einfacher, künftig miteinander in Kontakt zu bleiben, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsame Projekte anzustossen. Besonders gefreut hat mich, dass bereits während des Anlasses erste Ideen für ein nächstes Treffen entstanden sind. Vertreterinnen und Vertreter aus anderen Gemeinden haben spontan vorgeschlagen, den Anlass im kommenden Jahr an einem anderen Ort durchzuführen. Genau das war unsere Hoffnung. Jetzt, da das Netzwerk entstanden ist, ist der Schritt zu einem zweiten Treffen kein grosser mehr.
Ein solcher Anlass lebt aber nicht nur von den Umweltkommissionen. Ebenso wichtig sind die naturinteressierten Verbände, die mit ihrem Fachwissen einen wertvollen Beitrag leisten. Deshalb freue ich mich sehr, dass Vertreter des Fischereivereins Liechtenstein, der LGU, des Ornithologischen Vereins und weiterer Organisationen dabei waren. Sie bereichern den Austausch mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung. Ein besonderer Dank gilt dem Fischereiverein Liechtenstein. Er hat uns nicht nur fachlich unterstützt, sondern war auch ein hervorragender Gastgeber für den gemeinsamen Apéro. Diese Gastfreundschaft und die unkomplizierte Zusammenarbeit haben wesentlich zum Gelingen des Anlasses beigetragen. Ich wünsche mir, dass dieses erste Treffen der Beginn einer neuen Tradition ist. Denn die Herausforderungen im Natur- und Umweltschutz werden wir auch in Zukunft am besten gemeinsam meistern – über Gemeindegrenzen hinweg und im engen Austausch zwischen Gemeinden, Landwirtschaft, Fachpersonen und Verbänden. Wenn wir diese Zusammenarbeit weiter pflegen, profitieren am Ende alle – und vor allem unsere Natur.



You must be logged in to post a comment.