Gerade die jüngere politische Geschichte Liechtensteins verfügt noch über einige Forschungslücken. Aber ist das überhaupt schon Geschichte?

Gastkommentar: Cornelius Goop, Historiker am Liechtenstein-Institut

 

Historikerinnen und Historiker werden gerne gefragt, wann denn eigentlich die Geschichte endet. Ist ein Ereignis, das gestern passiert ist, schon relevant für die Geschichtsforschung oder muss es ein Jahr, zehn Jahre, vielleicht 30 Jahre zurückliegen? Die Antwort lautet dann meist, dass sich diese Frage so nicht beantworten lässt, weil sie eigentlich falsch gestellt ist. Denn die Relevanz eines Gegenstands für die historische Forschung ergibt sich nicht allein daraus, dass oder wie weit er in der Vergangenheit liegt. Entscheidend ist die Fragestellung: Sie ordnet Ereignisse der Vergangenheit in einen historischen Kontext ein, macht sie zum Teil einer längeren (oft erst im Nachhinein sichtbaren) Entwicklung oder leistet durch das Hinterfragen alter Erzählungen einen Beitrag zur kritischen Selbstvergewisserung. Der französische Historiker Marc Bloch (1886–1944) erinnerte sich einmal an einen betagten Gymnasiallehrer zurück, der ihm in jungen Jahren gesagt habe: «Das Geschehen seit 1830 ist nicht mehr Geschichte, das ist Politik.» Bloch fügte hinzu, dass man inzwischen wohl nicht mehr von «Politik», sondern achtungsvoll von «Soziologie» (heute vermutlich auch Politologie), oder gar von «Journalismus» sprechen würde. Letztlich geht es aber um die Ansicht, entweder fehle es bei zeitlich nahen Ereignissen an historischer Distanz oder diese Zeit sei anderen Disziplinen vorbehalten. Was zeitlich «nah» ist, scheint aber sowieso relativ zu sein.

All diese Überlegungen berühren die historische Teildisziplin, die man im Deutschen als «Zeitgeschichte» bezeichnet. Aber was ist überhaupt Zeitgeschichte? Nach einer klassischen Definition handelt es sich um «die Epoche der Mitlebenden und ihre wissenschaftliche Behandlung» (Hans Rothfels) – und dies verstanden nicht nur in einem generationellen (also drei bis vier Generationen zurückreichenden) Sinn, sondern auch was die zurückreichende Erfahrung angeht. Es geht also um eine sich stets verschiebende Epoche. Während noch vor nicht allzu langer Zeit die Jahre ab dem Ersten Weltkrieg selbstverständlich zur Zeitgeschichte gezählt wurden, rücken inzwischen sogar die Krisen- und Weltkriegsjahre der 1930er und 1940er langsam aus diesem Epochenfokus hinaus: Dann wäre Zeitgeschichte vor allem die Zeit ab 1945/50. Zeitgeschichte hat ausserdem methodische Herausforderungen: von der Überfülle an Quellenmaterial über die Hindernisse der Archivschutzfristen bis hin zum ambivalenten Potenzial von Zeitzeugeninterviews.

Zur (Zeit-)Geschichte Liechtensteins sind über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts umfassende und wegweisende Werke erschienen. Auch zur Geschichte nach 1945 sind bereits zahlreiche historische Forschungsarbeiten verfasst worden oder werden verfasst: beispielsweise zur Wirtschafts-, Migrations- oder Sozialgeschichte, zur Geschichte des Bürgerrechts, der Frauen(stimm)rechtsbewegung oder zu den Auswirkungen der 68er-Bewegung. Gerade was manche nationalen und internationalen politischen Zusammenhänge angeht, gibt es zur liechtensteinischen Geschichte nach 1945 aber noch einige Lücken. Wer sich beispielsweise über die politische Stimmung oder so manche politischen Ereignisse der 1950er-Jahre in Liechtenstein informieren will, wird nur auf wenig Literatur stossen. Welche Rolle spielte der Kalte Krieg? Warum entstanden und verschwanden Parteien? Welche politische Bedeutung hatte das Gesellschaftswesen? Es lohnt sich, auch an diese Fragen mit den Methoden der Geschichtswissenschaft heranzugehen. Denn schon 1830, wie Marc Blochs Gymnasiallehrer das sah, sollte man die Geschichte nicht enden lassen.

 

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