Lesermeinung von Dr. Norbert Obermayr, Auf Berg 44, Mauren
Mit Interesse habe ich die Debatte über ein angebliches „Recht auf Familie“ verfolgt. Familie ist zweifellos ein hohes Gut. Doch aus dem Wunsch nach einer Familie entsteht noch kein einklagbarer Rechtsanspruch.
Besonders nachdenklich stimmt mich die Aussage, das bestehende Verbot sei „mit den neuesten Entwicklungen der Reproduktionsmedizin nicht kompatibel“. Seit wann begründet technische Machbarkeit einen moralischen Anspruch? Technik beantwortet die Frage, was wir können. Ethik beantwortet die Frage, was wir dürfen. Wer beides verwechselt, macht den technischen Fortschritt zum Maßstab der Moral.
Genau darin liegt die eigentliche Herausforderung unserer Zeit. Immer häufiger werden persönliche Wünsche in Rechte umgedeutet. Das individuelle Glück wird zum höchsten Maßstab politischen Handelns. Doch eine freiheitliche Gesellschaft lebt nicht nur von Rechten, sondern ebenso von Verantwortung und von der Achtung der Grenzen, die die Würde jedes Menschen schützen.
Diese Entwicklung weist über die Reproduktionsmedizin hinaus. Sie führt in Richtung eines transhumanistischen Menschenbildes, das den Menschen zunehmend als optimierbares und planbares Projekt versteht. Der aktuelle Bericht über den bekannten „Langlebigkeits-Guru“, der trotz enormem technischen und finanziellen Aufwand eine unheilbare Erkrankung öffentlich machen musste, erinnert daran, dass der Mensch trotz aller Wissenschaft verletzlich bleibt. Es geht dabei nicht um Schadenfreude, sondern um Demut. Technik kann vieles leisten, aber sie hebt die menschliche Natur nicht auf.
Dasselbe gilt für die Bioethik. Beim Schwangerschaftsabbruch wird über die Selbstbestimmung der Frau gesprochen. Weit weniger Beachtung findet jedoch die Frage nach dem ungeborenen Kind. Der Embryo ist biologisch ein eigenständiger menschlicher Organismus. Die eigentliche Kontroverse ist daher nicht biologischer, sondern moralischer Natur.
Eine Kultur beweist ihre Größe nicht dadurch, dass sie jede technische Möglichkeit ausschöpft, sondern dadurch, dass sie erkennt, wo Selbstbegrenzung notwendig ist. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Was ist machbar?, sondern: Was dient der Würde des Menschen?

