Die Pest der Neuzeit

Vom Anspruch auf Glück und dem Verlust der Verantwortung /
Leserbrief von Dr. Norbert Obermayr, Auf Berg 44, Mauren

 

Es gibt Zeiten, in denen sich Gesellschaften nicht durch Revolutionen verändern, sondern durch Worte. Begriffe verschieben ihre Bedeutung, Selbstverständlichkeiten geraten ins Wanken, und was gestern noch als Wunsch galt, erscheint heute als Recht. Kaum jemand bemerkt diesen Wandel, weil er sich schleichend vollzieht. Doch gerade darin liegt seine eigentliche Kraft. Sprache beschreibt die Wirklichkeit nicht nur – sie formt sie.

Zu diesen neuen Begriffen gehört die immer häufiger erhobene Forderung nach einem „Recht auf Familie“. Was zunächst sympathisch klingt, verdient eine genauere Betrachtung. Denn wer wollte einem Menschen eine Familie verwehren? Wer wollte gegen Liebe, Partnerschaft oder Kinder sein?

Die eigentliche Frage lautet jedoch nicht, ob Familie ein hohes Gut ist. Sie lautet vielmehr, ob aus dem verständlichen Wunsch nach Familie ein rechtlicher Anspruch entstehen kann.

Ein Recht schützt den Menschen vor Unrecht. Es schützt Leben, Freiheit, Eigentum oder die Meinungsäußerung. Ein Recht garantiert jedoch nicht, dass jeder Wunsch erfüllt werden muss. Niemand besitzt ein Recht auf Freundschaft, auf Liebe oder auf Glück, obwohl all dies zu den kostbarsten Gütern des Lebens gehört. Gerade weil diese Güter auf Freiheit beruhen, entziehen sie sich jedem einklagbaren Anspruch.

Dennoch erleben wir gegenwärtig eine bemerkenswerte Entwicklung. Immer häufiger werden persönliche Wünsche in Rechte umgewandelt. Was früher Ausdruck individueller Lebensplanung war, erscheint heute als gesellschaftliche Verpflichtung. Der Staat soll ermöglichen, was technisch machbar geworden ist. Die Gesellschaft soll bereitstellen, was der Einzelne begehrt.

Hier beginnt ein grundlegender Wandel unseres Menschenbildes.

Die klassische Ethik fragte stets zuerst: Was ist gut? Unsere Zeit fragt zunehmend: Was will ich?

Zwischen beiden Fragen liegt eine Welt.

Denn das Gute verlangt nach Wahrheit, nach Verantwortung und nach Rücksicht auf andere. Der Wunsch dagegen kennt zunächst nur sich selbst. Er besitzt keinen inneren Maßstab außer seiner eigenen Erfüllung. Wird dieser Wunsch jedoch zum höchsten moralischen Prinzip erhoben, verliert die Ethik ihren festen Boden. Freiheit verwandelt sich schleichend in Beliebigkeit.

Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Krankheit unserer Zeit.

Psychologen sprechen vom Narzissmus als einer Persönlichkeitsstörung. Kulturphilosophisch betrachtet reicht der Begriff jedoch weit darüber hinaus. Narzissmus beschreibt eine Haltung, in der das eigene Ich zum Mittelpunkt der Wirklichkeit wird. Grenzen werden als Zumutung empfunden, Verpflichtungen als Einschränkung der Selbstverwirklichung und jede Form von Verzicht als Niederlage.

Das Ich wird zum höchsten Gesetz.

Wo dies geschieht, verändert sich nicht nur das Verhalten einzelner Menschen. Es verändert sich die gesamte Kultur. Begriffe werden neu definiert, Traditionen verlieren ihre Verbindlichkeit, Natur erscheint nicht länger als etwas Vorgegebenes, sondern als Rohstoff menschlicher Gestaltung.

So verwundert es kaum, dass heute selbst jahrtausendealte anthropologische Begriffe neu interpretiert werden. Familie wird zunehmend nicht mehr als eine gewachsene Wirklichkeit verstanden, sondern als Ergebnis individueller Selbstdefinition. Nicht mehr die Frage, was Familie ihrem Wesen nach ist, steht im Mittelpunkt, sondern welche Vorstellung der Einzelne von ihr hat.

Gewiss verändern sich Gesellschaften. Niemand wird ernsthaft behaupten, Familien hätten zu allen Zeiten dieselbe Gestalt besessen. Doch etwas anderes ist die Behauptung, jede gewünschte Form des Zusammenlebens müsse denselben rechtlichen und moralischen Status erhalten, weil sie gewünscht wird. Hier wird aus einer Beschreibung eine Forderung.

Noch deutlicher zeigt sich diese Denkweise im Bereich der modernen Reproduktionsmedizin.

Die Journalistin Daniele Muscionico schreibt, das geltende Verbot sei mit den neuesten Entwicklungen der Reproduktionsmedizin nicht kompatibel. Dieser Satz wirkt zunächst nüchtern. Tatsächlich enthält er jedoch eine weitreichende philosophische Annahme.

Seit wann begründet eine technische Möglichkeit einen moralischen Anspruch?
Seit wann wird das technisch Machbare zum Maßstab dessen, was gesellschaftlich richtig sein soll?

Die Geschichte der Menschheit lehrt vielmehr das Gegenteil. Technik beantwortet die Frage, was wir können. Ethik beantwortet die Frage, was wir dürfen. Beide Fragen gehören zusammen, dürfen aber niemals miteinander verwechselt werden. Andernfalls verliert die Moral ihre orientierende Funktion und wird zum bloßen Echo des technischen Fortschritts.

Gerade hierin zeigt sich eine Entwicklung, die unter dem Begriff des Transhumanismus zunehmend Gestalt annimmt. Der Mensch versteht sich nicht länger als Wesen mit einer gegebenen Natur, sondern als Projekt permanenter Optimierung. Fortpflanzung wird planbar, Embryonen werden auswählbar, genetische Eigenschaften erscheinen veränderbar, Altern gilt als technisches Problem und der Tod als ein Fehler, den künftige Technologien vielleicht beheben könnten.

Der Mensch soll nicht mehr angenommen werden – er soll entworfen werden.

Das eigentliche Problem liegt dabei nicht in der Forschung selbst. Wissenschaft hat der Menschheit unermessliche Dienste erwiesen. Problematisch wird es erst dort, wo aus wissenschaftlichen Möglichkeiten moralische Notwendigkeiten werden. Nicht alles, was technisch möglich ist, muss deshalb auch gesellschaftlich erwünscht sein. Fortschritt besteht nicht darin, jede Grenze zu beseitigen. Fortschritt besteht darin, jene Grenzen zu erkennen, die den Menschen schützen.

Wie aktuell diese Frage ist, zeigt ein Bericht in den Oberösterreichischen Nachrichten über den international bekannten Longevity-Unternehmer Bryan Johnson. Kaum jemand verkörpert den Traum des Transhumanismus so konsequent wie er. Millionen investiert er in medizinische Verfahren, um den Alterungsprozess zu verlangsamen und die Grenzen menschlicher Lebensdauer hinauszuschieben. Dennoch musste er kürzlich öffentlich machen, dass bei ihm eine chronische, unheilbare Autoimmunerkrankung diagnostiziert wurde.

Es wäre billig, darin eine Genugtuung zu sehen. Darum geht es nicht.

Der Fall erinnert vielmehr an eine uralte Wahrheit: Der Mensch bleibt trotz aller Technik ein verletzliches Wesen. Er kann Krankheiten bekämpfen, Leiden lindern und Leben verlängern. Er kann jedoch seine Endlichkeit nicht einfach abschaffen. Gerade diese Verletzlichkeit gehört zu seiner Würde. Wer glaubt, den Menschen vollständig technisch beherrschen oder neu erschaffen zu können, überschätzt nicht nur die Technik – er unterschätzt den Menschen.

Die eigentliche Hybris unserer Zeit besteht deshalb vielleicht weniger in einzelnen medizinischen Verfahren als in dem Glauben, jede technische Möglichkeit begründe bereits einen moralischen Fortschritt.

Von hier aus führt ein direkter Weg in die bioethischen Debatten unserer Gegenwart.

Auch beim Schwangerschaftsabbruch wird häufig ausschließlich auf die Selbstbestimmung der Frau verwiesen. Dieses Argument besitzt zweifellos Gewicht. Doch erstaunlich selten wird ebenso intensiv über jene dritte Person gesprochen, die von derselben Entscheidung betroffen ist und deren Stimme niemals gehört werden kann.

Der Embryo ist biologisch kein Teil des mütterlichen Körpers. Er besitzt von Beginn an ein eigenes Genom und entwickelt sich als eigenständiger menschlicher Organismus. Die eigentliche Kontroverse besteht daher nicht in der Biologie, sondern in der Frage, welchen rechtlichen und moralischen Status diesem menschlichen Leben zukommt.

Gerade diese Frage bleibt bis heute offen. Statt sie ehrlich auszutragen, verschiebt sich die Debatte häufig auf die Ebene individueller Lebensplanung. Das Glück der Erwachsenen wird zum entscheidenden Maßstab, während das ungeborene Leben immer stärker als Bestandteil einer persönlichen Entscheidung erscheint.

Doch jede Gesellschaft wird letztlich daran gemessen, wie sie mit jenen umgeht, die ihre Interessen selbst nicht vertreten können.

Die gleiche Denkfigur begegnet uns auch an anderer Stelle. Immer häufiger wird Freiheit nicht mehr als Verantwortung verstanden, sondern als Befreiung von Verantwortung. Die Folgen des eigenen Handelns sollen möglichst technisch, rechtlich oder medizinisch korrigiert werden. Verzicht erscheint als Zumutung, Selbstbeherrschung als Relikt vergangener Zeiten. Freiheit verliert dadurch ihren sittlichen Kern und wird zur bloßen Wahlmöglichkeit zwischen beliebigen Optionen.

Dabei beginnt jede Kultur genau dort, wo der Mensch freiwillig Grenzen anerkennt.

Nicht jede Grenze ist Unterdrückung. Viele Grenzen schützen erst die Freiheit. Die Grenzen des Rechts schützen vor Willkür. Die Grenzen der Sprache schützen vor Beliebigkeit. Die Grenzen der Ethik schützen die Würde des Menschen. Wer alle Grenzen beseitigen möchte, wird am Ende nicht mehr Freiheit finden, sondern Orientierungslosigkeit.

Vielleicht besteht deshalb die eigentliche Pest der Neuzeit nicht in einer bestimmten politischen Ideologie. Sie besteht in einer Denkweise.

Es ist die Vorstellung, dass das eigene Glück zum höchsten moralischen Maßstab werden dürfe. Dass Wünsche Rechte erzeugen. Dass technische Machbarkeit moralische Legitimation ersetzt. Dass der Mensch seine Natur beliebig überschreiten könne, ohne sich selbst zu verlieren.

Doch eine Kultur lebt nicht von Rechten allein. Sie lebt mindestens ebenso sehr von Tugenden, die sich weder gesetzlich anordnen noch einklagen lassen: Verantwortung, Treue, Fürsorge, Maß, Demut und die Fähigkeit, die eigenen Wünsche zugunsten anderer zurückzustellen.

Vielleicht sollte unsere Zeit deshalb weniger danach fragen, worauf der Mensch alles Anspruch hat, sondern wieder stärker danach, was er dem anderen Menschen schuldet.

Denn an dieser Frage entscheidet sich letztlich nicht nur die Zukunft der Familie oder der Bioethik. An ihr entscheidet sich, welches Menschenbild unsere Zivilisation tragen soll: jenes des autonomen, grenzenlosen Individuums oder jenes des verantwortlichen Menschen, der seine Freiheit gerade dadurch verwirklicht, dass er sie in den Dienst anderer stellt. Zwischen diesen beiden Bildern verläuft eine der entscheidenden geistigen Auseinandersetzungen unserer Zeit. Sie wird nicht mit Maschinen entschieden, nicht durch medizinische Innovationen und auch nicht durch neue Gesetze allein. Sie entscheidet sich dort, wo der Mensch den Mut findet, die uralte Frage wieder ernst zu nehmen – nicht: Was kann ich?, sondern: Was soll ich tun?

 

Previous articleFelix Sprenger verteidigt doppelten Mountainbike-Meistertitel
Next articleBrand auf Balkon mit hohem Sachschaden