Die IG Mobiles Liechtenstein (IG ML), gegründet im Hinblick auf die S-Bahnabstimmung, war in der Folge dieser Abstimmung aktiv tätig und hat Vorschläge für die Lösung des landesweiten Verkehrsproblems ausgearbeitet. Dann wurde es ruhig um sie. Nun ist die Thematik Verkehr in Liechtenstein in den vergangenen Wochen wieder in den Vordergrund gerückt, doch die IG Mobiles Liechtenstein sich aufgelöst. Johannes Kaiser und Donath Oehri waren zwei der führenden Köpfe und geben Auskunft über die Hintergründe.
Warum haben Sie die Tätigkeit der IG Mobiles Liechtenstein eingestellt?
Johannes Kaiser: Kurz zurückgeblendet: Wir haben uns in der IG mit der übergeordneten und gesamtheitlichen Lösung der Verkehrsproblematik beschäftigt und mögliche Lösungen aufgezeigt. Das Ganze ist dann in ein umfassendes Postulat gemündet, das alle Parteien des Landes unterstützt haben und das vom Landtag einstimmig an die Regierung überwiesen worden ist.
Donath Oehri: Unsere Absicht von der IG war es immer, verbindend zu wirken und uns nicht mit lokalen und kleinen Verkehrsmassnahmen wie zum Beispiel Tempo 30, einer Busspur oder einem Kreisel et cetera zu befassen. Dies sind jeweils technische Themen, welche die Gemeinden und das Land Liechtenstein mit ihren Verwaltungen umsetzen müssen. Wir wollten einen Brückenschlag für ein gemeinsames, gesamtheitliches Vorgehen machen und dann aber die Regierung und die entsprechenden Ämter in Ruhe arbeiten lassen. In den vergangenen Monaten und Jahren nach der Postulatsüberweisung ist es dann aber ruhiger geworden um das Thema Verkehr in Liechtenstein. Vielleicht auch, weil sich die Prioritäten aufgrund ganz anderer, auch globaler Probleme verschoben haben. Ein Indiz dafür ist auch, dass wir von der IG ML nie auf unser Abwarten von irgendjemandem angesprochen wurden, schon gar nicht von den zuständigen Behörden. Andererseits haben sich die Aufgabenschwerpunkte von einzelnen von uns etwas auf andere Themen verlagert. In diesem Sinne haben wir vom Kernteam alle Mitglieder der IG ML kontaktiert und die Auflösung angekündigt. Dies wurde von den Mitgliedern bedauert. Nun ist diese Auflösung aber erfolgt.

Dann richten sich die folgenden Fragen an Sie als Privatpersonen beziehungsweise im Fall von Johannes Kaiser an einen Landtagsabgeordneten. Der Schaaner Gemeinderat hat sich Ende Mai für den Bau einer unterirdischen Umfahrungsstrasse durch das Riet von der Hilcona bis zur Zollstrasse ausgesprochen. Vergleichbare Lösungen haben Sie vor einigen Jahren mit der IG Mobiles Liechtenstein propagiert. Wie beurteilen Sie die Initiative aus Schaan?
Donath Oehri: Grundsätzlich finden wir diesen Lösungsansatz sehr gut. Wir hatten zwar einen etwas anderen Korridor vorgesehen. Aber das spielt keine Rolle. Auch in diesem Sinne ist der Ansatz unseres Erachtens sehr gut, selbst wenn wir in der Vorgehensweise andere Vorstellungen hatten. Unsere Ansicht war, dass das Land Liechtenstein, also in diesem Fall insbesondere die Regierung, zusammen mit der zuständigen Verwaltung unter Einbezug aller Parteien und vor allem aller Gemeinden eine gesamtheitliche Lösung erarbeitet und diese dann in vielen Etappen in einem längeren Zeitraum sukzessive umsetzt. Wenn die Ruggeller, Schaanwälder oder Balzner sehen, dass ein erstes Lösungselement an einem Ort wie in diesem Fall Schaan umgesetzt wird, aber danach die weiteren Schritte auch andernorts in abgestimmter Form gesetzt werden, gibt dies ein Gesamtverständnis, und man findet landesweite Mehrheiten. Es ist zu hoffen, dass nicht immer dieselben Fehler gemacht werden, indem die Politik den Bürgern nicht zutraut, grosse gesamtheitliche Lösungen zu verstehen und diesen auch zuzustimmen. Dass dies funktioniert, sieht man beispielsweise an der Umsetzung der NEAT in der Schweiz.
Welche Chancen räumen Sie dem Projekt in Schaan ein und mit welchem Zeithorizont rechnen Sie?
Johannes Kaiser: Das ist für uns schwierig zu beurteilen. Vor allem können wir absolut keinen Zeithorizont erahnen. Wir hoffen, dass das vorher von uns Skizzierte, also eine mögliche Verpolitisierung und Ideologisierung und ein Reissen in alle Richtungen, nicht eintritt. Durch das Herausgreifen eines einzelnen Elementes könnte eine Verzettelung eintreten. Schaanwald, Nendeln, Eschen oder Bendern erwarten auch Antworten. Vaduz braucht ebenfalls Lösungen. Dies sollte, wie bereits ausgeführt, gesamtheitlich passieren. Solange die Regierung nicht in einen proaktiven Rhythmus kommt und selbst gesamtheitliche Lösungen aufzeigt, wird sie immer wieder in Wellen von einzelnen Vorstössen von Parteien, Gemeinden oder Interessengruppen gejagt sein. Das ist nicht gut, so löst man keine Probleme. Die Regierung sollte in Ruhe mit allen Akteuren im Rücken weitsichtig vorausgehen. Das war unsere seinerzeitige Absicht in der IG ML.
Wie könnten die übrigen Verkehrsträger von der Umfahrungsstrasse, die vor allem für den motorisierten Individualverkehr gedacht ist, profitieren?
Donath Oehri: Diese Antwort möchten wir nicht nur mit dem Fokus auf Schaan geben. Es kann vielfältig profitiert werden. Verkehr kommt aus den Dörfern. Ruhe und Sicherheit gewinnen, der ÖV erhält freie Fahrt, ein gutes, durchgehendes Radwegnetz wird möglich, unterirdische Lösungen sorgen andernorts für einen Flächengewinn et cetera.
Sehen Sie das Ansinnen des Schaaner Gemeinderats auch als eine Bestätigung für Ihre damalige Arbeit an?
Johannes Kaiser: Die Schaaner haben selbst viele Ideen und Gedanken. Wenn es eine Bestätigung für unsere Arbeit ist, freut uns das (schmunzelt). Aber es kommt wirklich nicht darauf an, wer etwas vorschlägt und macht. Es kommt einzig und allein darauf an, dass man es macht. Wir müssen wieder ins Handeln kommen.
Wie sind Sie damals überhaupt darauf gekommen, unterirdische Lösungen zu propagieren?
Donath Oehri: Die Erfahrung im Zusammenhang mit der S-Bahn-Abstimmung hat gezeigt: alle wollen Mobilität, aber nicht vor der eigenen Haustür. Unser Land ist klein, sehr klein. Wir haben keine übermässigen Flächen. Wir sollten Flächen freispielen und gewinnen und nicht umgekehrt. Mobilität ist ein absolutes Muss. Mobilität ist nötig, aber nicht schön. Sie muss daher unserer Ansicht nach nicht durch die schönsten Landschaften führen. Man kann sie auch verstecken. Sie ist unterirdisch gerade im Zeitalter der E-Mobilität auch völlig unproblematisch abwickelbar.
Wo in Liechtenstein könnten subterrane Lösungen noch zu einer Lösung des Verkehrsproblems beitragen?
Johannes Kaiser: Von Schaanwald bis Balzers. Und zwar in Bereichen, die bereits im öffentlichen und halböffentlichen Eigentum sind: Land, Gemeinden, Bürgergenossenschaften, ÖBB.
Tunnelbauten sind allerdings teuer. Würden Projekte in der von Ihnen angedachten Grössenordnung Liechtenstein trotz seiner komfortablen Finanzlage nicht an seine Grenzen bringen?
Donath Oehri: So ist es. Aber weltweit werden sehr viel komplexere Probleme gelöst, und zwar in Staaten, die Schulden haben wie ein Hund Flöhe. Aber ja, wir haben im Nachgang unserer Arbeit auch gesehen, dass man nicht alles durchgängig im geschlossenen Tunnel führen müsste. In Bereichen ausserhalb der Wohngebiete könnten Strasse und Bahn auch nur abgesenkt und auf der Seite mit dem ausgehobenen Erdmaterial ein Wall geschüttet werden. Dazwischen würden sich immer wieder Wildbrücken und kleine Brücken über den Mobilitätskorridor anbieten, zum Beispiel zwischen Nendeln und Schaan. Dann kommt man auf eine um einiges reduzierte Länge, die getunnelt und für Liechtenstein finanziell auch verträglich wäre.
Johannes Kaiser: Als kleines Land mit minimalen Flächen müssen wir in der Lebensraumplanung hinsichtlich der künftigen Generationen unbedingt die Etage minus Eins miteinbeziehen. Mit unterirdischen Lösungen oder Behausungen geben wir zudem Grün- und Freizeitflächen zurück, die Lebensraumqualität wird gesteigert und zudem gibt es Platz für den ÖV, Fahrrad- und Fusswege. Die zukünftigen Generationen werden es uns verdanken, wenn wir ihnen den wunderbaren Lebensraum nicht mit Strassen bepflastern und ihnen dennoch kein Erbe von Tausenden, sich durch die Wohnlandschaften schlängelnden schweren LKW und Personenwagen übergeben.


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