Leserbrief von Jo Schädler, Bendern

Derzeit erregt die Abtreibungsfrage die Gemüter oben am – früher sogar noch deutschen Rhein. Soll man abtreiben, darf man das überhaupt, ist es vielleicht sogar eine Todsünde, soll man es im Lande tun, oder muss man dafür ins Auto, oder gar das Flugzeug steigen, um ein junges ungeborenes Leben wieder ins Jenseits zurück zu spedieren, aus welchem es gekommen ist?

 Weil, wenn einer Glück hatte und er wurde nicht wieder zurückbefördert, dann hängt er ja sehr und sehnsüchtig daran, an diesem Leben. Der eine behütet es und hofft, es möge hundert Jahre dauern, der andere traktiert es mit allerlei Lüsten und Gelüsten und betet, er werde trotz Vagantenleben, Raucherlunge, Säuferleber und allerlei Schindluder, auch so an die Hundert.

Und um dieses Ziel mit gesunden hundert Lenzen zu erreichen, werden ab einem gewissen Alter, Unsummen teures Geld investiert. Kein Doktor zu weit, keine Medizin zu teuer. Und wenn trotz aller Reparaturen und Renovationen keine Freude aufkommen mag, dann hält man es zum Troste mit dem Schacher Sepp, der meint, wenn er am Tag sein Schnäpsli hat und wenn ihm der Herrgott Gesundheit schenkt, wäre das alles was es braucht. Eigentlich wenig Wünsche, aber der andere, der ohne Schnaps, also der nüchterne, der hat es in sich, denn ohne den lieben Herrgott kann es verdammt schwierig werden.

Und dann, eines schönen Tages, wenn der Endspurt beginnt und man Herman Hesse und Stephan King müde beiseitelegt, am Fahrrad die Kette zu rosten beginnt und die Angebote der Implantat-Fabrik und die Organspenderbank Interesse wecken, offenbart sich unser ganzes, schräges und im Grund genommen recht aussichtsloses Dilemma.

Auf der einen Seite vernichten wir junges Leben, damit es ja unser Glück nicht stört und dann eine Werbung lesen müssen, die verspricht: „Die Organspende gibt dem Sterben einen Sinn“.

Wir alle, glücklich nicht Abgetriebenen, müssten im Laufe der Zeit, hoffentlich auch ohne einen Sinn gefunden haben, was den anderen einfach gestrichen wurde.