Liechtensteins Wirtschaft verfügt über die Voraussetzungen, die vielfältigen Turbulenzen, mit denen sie sich derzeit konfrontiert sieht, so zu bewältigen, wie sie auch frühere Krisen unbeschadet überstanden hat. Davon ist Wirtschaftsminister Hubert Büchel überzeugt.
Ich denke, für das
Jahr 2026 ist weiterhin
von einer verhaltenen
Entwicklung auszugehen.
Ich bin aber optimistisch, denn mittelfristig bestehen gute Voraussetzungen für weiteres Wachstum, sofern sich das Umfeld stabilisiert.
Hubert Büchel,
Wirtschaftsminister
Herr Regierungsrat, seit fast genau einem Jahr sind Sie nun Wirtschaftsminister. Was überwiegt: das Angenehme oder die Herausforderungen?
Regierungsrat Hubert Büchel: Definitiv das Angenehme. Für mich ist es eine grosse Ehre, das Amt eines Regierungsmitglieds ausüben zu dürfen. Dies ist für mich trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – der laufend neuen Herausforderungen der beste Job der Welt.
Wie ist Liechtenstein im Frühjahr 2026 wirtschaftlich aufgestellt?
Insgesamt sehr solide, trotz der weltwirtschaftlichen Turbulenzen. Der Arbeitsmarkt zeigt sich robust, und die öffentlichen Finanzen sind weiterhin sehr stark. Gleichzeitig ist die konjunkturelle Dynamik verhalten. Die exportorientierten Unternehmen spüren die schwächere Auslandsnachfrage und die erhöhte geopolitische Unsicherheit. Liechtenstein befindet sich trotz allem wirtschaftlich in einer stabilen Ausgangslage. Als kleine, offene Volkswirtschaft werden wir aber weiterhin besonders abhängig von internationalen Entwicklungen sein.
Welche Auswirkungen hatte der Krieg im Nahen Osten bisher auf Liechtenstein?
Die Auswirkungen sind bisher vor allem indirekt. Sie zeigen sich durch steigende Energiepreise und erhöhte Unsicherheit, was die Verfügbarkeit und die Preise von wichtigen Gütern angeht, wobei die Energieversorgung aktuell sichergestellt ist. Die erwartete europäische und internationale Wirtschaftsentwicklung wurde dadurch gedämpft. Für Liechtenstein sind solche Effekte besonders relevant, da sie sich über die Exportmärkte und die Energieversorgung rasch und stark auf die heimische Wirtschaft übertragen.
Wie schlimm kann es noch kommen?
Schwer zu sagen. Klar ist, dass der Krieg im Nahen Osten nicht nur für Europas Sicherheit, sondern auch für die Wirtschaft sehr relevant ist. Eine anhaltende Kombination aus hohen Energiepreisen, starkem Schweizer Franken, schwacher Nachfrage in Europa und zunehmendem Protektionismus würde die wirtschaftliche Entwicklung zusätzlich belasten. Gleichzeitig verfügt Liechtenstein aber über solide finanzielle und strukturelle Voraussetzungen, um schwierigere Phasen bewältigen zu können. Dies hat sich auch in vergangenen Krisen immer wieder bestätigt.
Wie sehr leidet Liechtensteins Wirtschaft unter den Auswirkungen der neuen US-Zölle und der Zollpolitik von Donald Trump?
Die Auswirkungen sind für die exportorientierte Wirtschaft zweifellos spürbar. Die USA stellen einen sehr wichtigen Absatzmarkt dar. Zusätzliche Zölle können die Wettbewerbsfähigkeit einzelner Branchen beeinträchtigen. Gleichzeitig zeigt sich, dass viele liechtensteinische Unternehmen aufgrund ihrer Spezialisierung und Innovationskraft vergleichsweise anpassungsfähig sind. Zudem trägt die wachsende Zahl an Freihandels- und Doppelbesteuerungsabkommen dazu bei, Abhängigkeiten von einzelnen Staaten zu reduzieren.
Von der Geo- zur Landespolitik: Das FBP-Postulat zum Bürokratieabbau hat die Hürde Landtag im März nicht genommen. Vonseiten der Regierung hiess es aber, dass sie gemäss Koalitionsvertrag ohnehin an diesem Thema arbeitet. Was ist konkret geplant oder schon umgesetzt?
Der Bürokratieabbau bleibt ein zentrales Anliegen der Regierung. Das ist im Koalitionsvertrag klar verankert. In den vergangenen Jahren haben wir schon wesentliche Fortschritte erzielt. Vor allem durch die Digitalisierung von Verwaltungsprozessen, etwa mit dem eGewerbe, der eMWST, der eZustellung und weiteren E-Government-Anwendungen. Ein weiteres Beispiel, dass sich der Austausch mit der Landesverwaltung sehr vereinfacht und bereits bewährt hat, ist der Digitale Polizeiposten. Zudem sind die Ämter angehalten, wo möglich und sinnvoll, eine liberale Auslegung der gesetzlichen Grundlagen zu praktizieren. Diese Entwicklung soll konsequent weitergeführt werden.
Welche weiteren Pläne haben Sie, die Liechtensteins Unternehmen zugutekommen, um die Wirtschaft auf Kurs zu halten?
Im Zentrum stehen die kontinuierliche Verbesserung der Standortqualität und die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. Dazu gehören die Weiterentwicklung der digitalen Verwaltung, Massnahmen zur Sicherung von Fach- und Arbeitskräften und eine aktive Aussenwirtschaftspolitik mit dem Ziel stabiler und verlässlicher Rahmenbedingungen für die Unternehmen. Zudem ist es uns ein Anliegen, neben den verstärkten Impulsen im Bereich der Start-up-Förderung und zur weiteren Stärkung der Innovationskraft der Unternehmen gleichzeitig auch im Rahmen der Bestandespflege ein Ohr bei den Herausforderungen unserer Wirtschaft zu haben und sie dort zielgerichtet mit entsprechenden Rahmenbedingungen unterstützen zu können.
Mit welcher Wirtschaftsentwicklung rechnen Sie mittelfristig?
Ich denke, für das Jahr 2026 ist weiterhin von einer verhaltenen Entwicklung auszugehen. Ich bin aber optimistisch, denn mittelfristig bestehen gute Voraussetzungen für weiteres Wachstum, sofern sich das internationale Umfeld stabilisiert. Entscheidend wird sein, die bestehenden Stärken des Standorts gezielt weiterzuentwickeln und die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen laufend zu optimieren.
Noch eine Frage an Sie in Ihrer Rolle als Innenminister: Wie gut ist Liechtenstein auf einen allfälligen Ansturm von Asylsuchenden im Zuge des Krieges in Nahost vorbereitet?
Die Regierung verfolgt die Lage aufgrund aller verfügbaren Daten und bereitet sich entsprechend vor. Derzeit sind keine grösseren Migrationsbewegungen aus dem Nahen Osten in Richtung Europa zu verzeichnen. Mit dem Migrations- und Asylpakt hat die Europäische Union ihre Lehren aus den massiven Fluchtbewegungen in den Jahren 2015 und 2016 gezogen. Europaweit wird der Aussengrenzschutz verstärkt, und die Verfahren werden beschleunigt, aber auch die Solidarität in Europa wird gestärkt. Liechtenstein weist keine Schengen-Aussengrenze auf und ist grundsätzlich nicht Ziel von grösseren Fluchtbewegungen. Wir profitieren jedoch stark von einem funktionierenden Migrations- und Asylsystem in Europa. Deshalb erachtet es die Regierung auch als wichtig, dass Liechtenstein solidarisch mit den anderen Ländern ist und sich am Solidaritätsmechanismus beteiligt. Der Landtag hat diese Haltung an seiner letzten Sitzung grossmehrheitlich unterstützt, was mich persönlich sehr gefreut hat. Zudem befinden wir uns im engen Austausch mit unseren Nachbarländern.

