Leserbrief von Norbert Obermayr
Die aktuellen Bestrebungen, Abtreibung in Liechtenstein einzuführen, berühren nicht nur eine juristische Frage, sondern das grundlegende Verständnis von Menschenwürde, Verantwortung und gesellschaftlicher Ethik. Umso auffälliger ist die Zurückhaltung christlicher Institutionen in der öffentlichen Debatte. Gerade hier wäre eine klare, differenzierte und geistig fundierte Orientierung wünschenswert.
Wir erleben eine Zeit zunehmenden Konsumdenkens, technischer Machbarkeitsvorstellungen (der göttliche Mensch) und moralischer Beliebigkeit. Der Mensch wird immer stärker funktional betrachtet – nach Nutzen, Selbstbestimmung oder Effizienz. Christliche Religionen verfügen hingegen über eine gewachsene Anthropologie, die den Menschen als Geschöpf mit unveräußerlicher Würde versteht – vom Anfang bis zum Ende des Lebens.
Es geht dabei nicht um moralischen Druck oder politische Machtansprüche. Es geht um Bewusstsein. Wer, wenn nicht die Kirchen, sollte die langfristigen kulturellen und ethischen Folgen gesellschaftlicher Entscheidungen ansprechen? Wer sollte Ursachen und Wirkungen benennen und einen Raum eröffnen, in dem Verantwortung, Gewissen und Schutz des Schwächsten ernsthaft diskutiert werden?
Wenn kirchliche Stimmen in zentralen Fragen des Lebensschutzes, der Menschenwürde und der kulturellen Orientierung nur verhalten wahrnehmbar sind, entsteht ein Vakuum. Dieses wird dann entweder von rein nutzenorientierten Argumenten oder von oberflächlichen Heilsversprechen gefüllt.
Gerade in einem kleinen, historisch christlich geprägten Land wie Liechtenstein wäre eine klare, zugleich respektvolle Positionierung wünschenswert. Nicht um zu polarisieren, sondern um eine tiefere ethische Reflexion zu ermöglichen. Eine Gesellschaft braucht Orientierung – und christliche Institutionen könnten sie bieten, wenn sie den Mut hätten, ihre geistige Substanz wieder deutlicher einzubringen.




