Das Deutsche Reich unter Reichskanzler Adolf Hitler nutzte die Olympischen Spiele 1936 zu einer grossartigen Demonstration und zur internationalen Image-Pflege. Erstmals nahmen 1936 auch Athleten aus Liechtenstein an Olympischen Spielen teil: An der Winterolympiade in Garmisch und an den nachfolgenden Sommerspielen in Berlin.
Insgesamt 646 Athletinnen und Athleten reisten im Februar 1936 nach Garmisch zu den Olympischen Winterspielen. Innerhalb von zehn Tagen wurden 17 verschiedene Sportwettbewerbe in 8 Sportarten ausgetragen. Auch vier Athleten aus Liechtenstein kämpften um Medaillen: Hubert Negele und Franz Schädler bei den Skifahrern sowie Eugen Büchel und Eduard von Falz-Fein als Zweierbob-Team. Norwegen war mit 15 Medaillen – 7 Gold, 5 Silber und 3 Bronze – die erfolgreichste Nation. Gefolgt von den Teilnehmern aus dem Deutschen Reich mit 3 Gold und 3 Silber. Die Schweden belegten mit 2 Goldenen, 2 Silbernen und 3 Bronzenen den dritten Platz unter den 28 Teilnehmerstaaten. Es waren die ersten Olympischen Winterspiele, an denen Liechtenstein teilnahm. Aber auch eine Reihe anderer Länder war erstmals mit dabei: Australien, Bulgarien, Griechenland, Spanien und die Türkei.
Das Deutsche Reich als Austragungsort
Das Deutsche Reich nahm die Olympischen Winterspiele in Garmisch zum Anlass, das Nazi-Regime gegenüber den anderen Staaten positiv darzustellen. Auf diesen Umstand machte der Präsident des Organisationskomitees, Karl Ritter von Halt, in seiner Eröffnungsansprache aufmerksam: «Wir Deutschen wollen der Welt auch auf diesem Wege zeigen, dass wir die Olympischen Spiele getreu dem Befehl unseres Führers und Reichskanzlers zu einem wahren Fest des Friedens und der aufrichtigen Verständigung unter den Völkern gestalten werden.» Obwohl viele Machenschaften der Nazi-Diktatur, insbesondere die Judenverfolgung, bekannt waren, gab es von vielen Seiten hohe Anerkennung für die Durchführung der Olympiade durch das Hitler-Regime. Auch die liechtensteinische Delegation sprach sich anerkennend in einem Schlussbericht über die Organisation aus, die als vorzüglich und mustergültig bewertet wurde. Wörtlich hiess es in einem Zeitungsbericht: «Alle Nationen ohne Ausnahme waren in dieser Hinsicht wirklich begeistert.» Erwähnt wurden auch die Geschenke, die alle Athletinnen und Athleten erhalten hatten: «Zwei wunderbare Bücher, eines über Deutschland, eines über die Olympiade.»
Liechtenstein setzte auf Sport und Souveränität
Die Idee für eine Olympia-Teilnahme liechtensteinischer Sportler hatte Baron Woldemar von Falz-Fein, ein Emigrant aus der Ukraine, der das Bürgerrecht des Fürstentums Liechtenstein erhalten hatte. Hintergrund seiner Idee war vor allem, seinem Neffen Eduard von Falz-Fein die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1936 in Garmisch zu ermöglichen. Bei Regierungschef Josef Hoop fiel die Idee auf fruchtbaren Boden, allerdings aus anderen Gründen. Der Regierungschef erblickte in den Anlässen der Sommer- und Winterspiele, die 1936 in Deutschland durchgeführt werden sollten, eine willkommene Gelegenheit, um die nicht immer konfliktfreien Beziehungen mit dem Deutschen Reich mit freundlichen Kontakten zu intensivieren. Ausserdem verfolgte der Regierungschef das Ziel, bei diesen zwei internationalen Sportanlässen mit weltweiter Ausstrahlung die Eigenständigkeit Liechtensteins zu dokumentieren. Wenn Liechtenstein an den Olympischen Spielen als eigenständige Nation vertreten sei, so die politische Überlegung Hoops, wäre dies ein wichtiges politisches Bekenntnis für den Kleinstaat in der internationalen Staatenwelt.
Nach Erkundigungen der Regierung, welche Voraussetzungen für die Teilnahme an Olympischen Spielen zu erfüllen seien, ging alles sehr schnell. Schon im Sommer 1935 bestellte Regierungschef Josef Hoop ein Nationales Olympisches Komitee und setzte den damaligen Steuerkommissär und späteren Regierungschef Alexander Frick als Vorsitzenden ein. Die Regierung holte ferner Xaver Frick, Hans Ritter, Fritz Thöny und Ernst Schädler in das Olympia-Komitee, an dessen Sitzungen auch der künftige Fürst, Thronfolger Franz Josef, teilnahm.
Das Nationale Olympische Komitee (NOK), das mit der Teilnahme an der Olympiade seinen Zweck erfüllt hatte, wurde aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen nach den Olympischen Sommerspielen in Berlin wieder aufgelöst. Aber schon ein Jahr später wurde auf Anregung des Fürsten eine Neugründung des NOK vorgenommen. Im Zuge der Olympia-Teilnahmen liechtensteinischer Sportler folgte die Gründung des Liechtensteinischen Sportverbandes. Im Buch «75 Jahre Sport in Liechtenstein» heisst es dazu: «Es war der damalige Regierungschef Josef Hoop (1895–1959), der diese Gründung entschieden förderte und unterstützte. Er rief die Mitglieder des Olympischen Komitees zu einer Besprechung zusammen und zog unter anderen auch Graf Maurice von Bendern (1879–1968) bei, der sich als grosszügiger Förderer des frühen Liechtensteiner Sports auszeichnete. Bis 1948 war er es, der die jeweiligen Liechtensteiner Olympiabeschickungen finanzierte.»
Keine Medaillen für die Liechtensteins Athleten
Die vier liechtensteinischen Athleten, die erstmals an Olympischen Spielen die Farben ihres Landes vertreten hatten, kehrten zufrieden aus Garmisch zurück. Allerdings hatte es nicht zu Spitzenplätzen gereicht. Hubert Negele und Franz Schädler hatten sich in Malbun und St. Anton am Arlberg auf die Rennen vorbereitet. Liechtenstein war damals noch keine «Ski-Nation», mit den Athleten aus anderen Alpenländern und den nordischen Staaten konnten die liechtensteinischen Skifahrer nicht mithalten. Hubert Negele erreichte in der Abfahrt aber immerhin den 48. Rang von 68 Klassierten, Franz Schädler erreichte den 51. Platz. Die Leistung von Negele ist bemerkenswert, denn beim Training brach einer seiner Abfahrtslatten, sodass er gezwungen war, die Abfahrt mit den Slalomski zu bestreiten. Die Ski beider Athleten stammten als einheimischer Produktion, waren von der Firma Brunhart-Ski in Balzers hergestellt worden. Negele und Schädler traten nach der Abfahrt auch zum Slalom an, hatten aber auch bei dieser Disziplin kein Wettkampfglück, denn sie konnten sich nicht für das Finale qualifizieren.
Das Zweierbob-Team kam aus dem Training in St. Moritz nach Garmisch und blieb, wie die Skifahrer, nicht von Problemen verschont. Bei einem Sturz im Training erlitt Eugen Büchel einen Knöchelbänderriss und Eduard von Falz-Fein zog sich eine Bindehautentzündung zu. Dennoch traten die beiden Athleten zum Wettkampf an, Falz-Fein als Steuermann und Büchel als Bremser. Nach vier Durchgängen auf der 1525 Meter langen Bobbahn belegte der Liechtenstein-Bob den 18. Rang, rund 30 Sekunden hinter den siegreichen Amerikanern, aber immerhin noch vor Österreich, der Tschechoslowakei und Frankreich.
Obwohl keine Medaillen errungen werden konnten, wurden die internationalen Medien auf die liechtensteinische Delegation in Garmisch aufmerksam. Die französische Sportzeitung «L’Auto» schrieb begeistert: «Liechtenstein, Sie wissen es wohl, es ist ein kleines Land, so gross ungefähr wie Andorra. Dieses Fürstentum ist bei den Winterspielen durch vier Leute vertreten: zwei Skifahrer und zwei Bobfahrer! Man glaubt sich deshalb in eine richtige Wiener Operette versetzt. Dieses kleine Bergland, dessen Fürst im Allgemeinen in Wien wohnt, hat vier Vertreter geschickt. Und die Musik hat extra die Volkshymne lernen müssen für den Fall, wo die Flagge Liechtensteins am Olympischen Mast wehen werde.»
Alle vier Athleten waren in schicken blau-roten Pullovern angetreten, die von der Strickwarenfabrik Engel in Vaduz hergestellt wurden. Auf der Brust trugen sie stolz das Liechtensteiner Wappen, das die Klosterfrauen des Klosters Schellenberg von Hand gestickt hatten.




