Georg Malin gehört zu jenen Zeitgenossen, die sich auf verschiedenen Wissensgebieten ausgebildet und ausgezeichnet haben. Seine in Studien erworbenen Kenntnisse liessen ihn in seiner Funktion als Politiker aus einem reichen Fundus schöpfen. Mit der Aufbau der staatlichen Kunstsammlung schuf er ein kulturelles Zentrum in Vaduz, das zu einem Anziehungspunkt für Kunstinteressierte aus aller Welt geworden ist. Am 8. Februar kann der weit über die Grenzen Liechtensteins hinaus bekannte Künstler und Historiker seinen 100. Geburtstag feiern.
«Wer Bescheid weiss, ist bescheiden!» Diesen Satz prägte Georg Malin in seiner Vaduzer Predigt, einer Reihe von Predigten bekannter Persönlichkeiten, die von der Evangelischen Kirche organsiert wurde. Bescheiden blieb der Jubilar in all seinen Funktionen – als Historiker, Politiker, Künstler und Konservator. Seine Doktorarbeit widmete er nach Studien in Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie in Zürich und Fribourg einem liechtensteinischen Thema, weil er Bescheid wissen wollte über die Vergangenheit seiner Heimat: «Die politische Geschichte des Fürstentums Liechtenstein in den Jahren 1800 bis 1815». Mit der Erforschung jener Zeit stiess er eine Reihe von Dissertationen über das 19. Jahrhundert an, die fortgesetzt wurde von Rupert Quaderer, Peter Geiger und Alois Ospelt. Liechtenstein, das zu jener Zeit die Souveränität zuerkannt erhielt, steht im Mittelpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit.
Georg Malin der Historiker
Eindrücklich beschreibt er die Ränkespiele der damaligen Grossmächte, die dem kleinen und unbedeutenden Fürstentum die Souveränität brachte: «Napoleon nahm Liechtenstein ohne Wissen Johann I. in den Rheinbund auf, was man als besondere Gunst des französischen Kaisers gegen dem Fürsten von Liechtenstein deuten darf.» Mit seiner Formulierungskunst lässt die Doktorarbeit viele Umstände jener Zeit nicht einfach erkennen, sondern plastisch erscheinen, wie etwa das Urteil über den Landesverweser Schuppler über das ungebildete Völklein im Ober- und Unterland. Man müsse die harten Urteile obrigkeitlicher Beamter mit Zurückhaltung aufnehmen, «denn das emporstrebende Beamtentum hatte eine hämische Freude daran, in stolzer Überheblichkeit die Volksvertreter zu kritisieren und zu bespötteln, nicht zuletzt in der versteckten Absicht, die eigene Leistung dadurch umso mehr hervorzuheben.»
Georg Malins Schaffen blieb nicht in dieser Epoche des 19. Jahrhunderts stehen. Vielmehr erforschte er die frühe Besiedlung unseres Lebensraums und die Einflüsse von aussen. Eingehend befasste er sich mit dem Wirken der Römer, erforschte mit Grabungen römische Siedlungen, wie etwa das Kastell in Schaan, den Burghügel in Balzers, den Gutshof in Nendeln. Mit seinen Beschreibungen der Fundstücke wurde die Geschichte lebendig, mit seiner Einordnung in einen grösseren Zusammenhang lässt er die Leserinnen und Leser teilnehmen am Geschehen.
Georg Malin der Politiker
Aus dem Wissen und den Erkenntnissen der Vergangenheit schöpfte Georg Malin das Verständnis für die Zeitläufte der Gegenwart und für die Visionen der Zukunft. Acht Jahre war er, im Sinne von Amts- und Entscheidungsträger, aktiv in der Politik: Von 1966 bis 1974 als Landtagsabgeordneter, von 1974 bis 1978 als Mitglied der Regierung, zuständig für die Kultur und Umwelt. Seine Amtszeit als Umweltminister fiel in eine turbulente Zeit. Kurz zuvor, im Europäischen Naturschutzjahr 1970, war festgestellt worden, dass in den liechtensteinischen Gewässern katastrophale Zustände herrschten, das Abfallproblem mit wilden Entsorgungen auf individuelle Weise gelöst werde und der Natur ganz allgemein zu wenig Beachtung geschenkt werde. Schon als Abgeordneter setzte sich Georg Malin für den Schutz der Natur ein, stritt für besseren Lärmschutz und vor allem gegen die damals geplante Raffinerie im benachbarten Sennwald. Bei seinem Eintritt in die Regierung hatte Liechtenstein gerade die ersten autofreien Sonntage als Folge der internationalen Ölkrise hinter sich und die Bewältigung der Energiefragen – wie etwa die Versorgungssicherheit – vor sich. Der nebenamtliche Regierungsrat hatte ein Bündel von Problemen vor sich, die bewältigt werden mussten: Luftreinhaltung, Lärmbekämpfung, Gewässerschutz. In jener Zeit, als Begriffe wie Umweltschutz oder Ressourcenschonung für viele noch Fremdwörter waren, stellte er warnend fest: «Wir brauchen die Rohstoffe, als ob wir die letzten Menschen wären und der Zukunft gegenüber nicht verantwortlich.»
Aber nicht nur im Umweltbereich setzte Georg Malin nachhaltige Akzente, sondern auch weiten Feld der Kultur. Ein Denkmalschutzgesetz trug seine Handschrift, ein Inventar zum Ortsbildschutz wurde geschaffen, der Kunstführer Liechtenstein erschien in neuer Auflage. Ausserdem wurden die Vorbereitungen für den Bau eines Kunsthauses vorangetrieben, nachdem Fürst Franz Josef II. ein Angebot gemacht hatte, wertvolles Kunst- und Kulturgut aus der fürstlichen Sammlung als Leihgaben zur Verfügung zu stellen. Das Zusammenfügen von Kultur und Politik erschien dem Kulturminister als Widerspruch. Der Begriff Kultur werde von der materiellen Welt abgehoben und auf rein geistige Bereiche beschränkt, während man den materiellen Bereich unter dem Begriff Zivilisation sammle. Eine gefährliche Entwicklung, befand Georg Malin und prägte einen Satz, der wohl auch heute noch Gültigkeit hat: «Der geblähte Bauch der Wirtschaft ist kein Zeichen für Gesundheit.» Er war dagegen, die Kulturpolitik gegen die Wirtschaftspolitik auszuspielen. Dennoch orakelte er in den Politischen Schriften, er befürchte, «dass wir eines Tages keine Finanzpolitik haben, dass aber die Finanzpolitik uns hat».


Georg Malin der Künstler
Ausdrucksstark wie als Politiker und kraftvoll in seinen Schilderungen als Historiker ist Georg Malin auch bei seinem künstlerischem Schaffen. Eine solide Ausbildung half ihm, seine Talente weiter zu wecken und zu fördern. Das handwerkliche Können aber sei noch lange nicht das wirkliche Können, sagte er einmal. Insofern ist seine Ausbildung nur die Basis, ein Fundament für den weiteren Aufbau. Bei seiner Kunst hat er kurzfristigen modischen Strömungen widerstanden, sich in Jahrzehnten nicht dem Mainstream unterworfen. Vielmehr kämpfte er dagegen an, wie seine Umschau in der modernen Kunstwelt pointiert aufzeigt: «Der Schock gilt als Mittel intensiver Gefühls-
transporte, Ekel transportiert Erschütterung, Sex Gefühlsgewühl, Fäulnis den Geruch von Süsse, Ärgernis bringt öffentliche Präsenz.»
In seinem Kunstschaffen herrscht Klarheit, wie man bei seinen Buchstaben-Würfeln besonders gut erkennen kann. «Mit 22 Buchstaben lässt sich alles festhalten, was der Mensch denkt, fühlt, erwartet, gewusst hat», fasste er einmal sein Bestreben nach Formen, die sich nicht weiter abstrahieren lassen. Dazu die Vierecke, in die er die Buchstaben einpasste, die Vollkommenheit symbolisieren, wenn wir etwa daran denken: Vier Himmelsrichtungen, vier Jahreszeiten, vier Evangelien.
Sein künstlerisches Schaffen aber beschränkt sich nicht auf die Buchstaben, sondern umfasst eine breite Palette künstlerischer Ausdrucksformen. Seine teilweise zarten Aquarelle stehen auf den ersten Blick in einem Gegensatz zu seinen dominierenden Skulpturen. Sie sind für ihn ein Ausgleich zur schweisstreibenden Steinmetz-Arbeit, zum Einsatz von Geräten bei der Bearbeitung von Metall. Auch dafür gibt es eine plausible Erklärung von ihm, selbstverständlich in bildhafter und ausdrucksstarker Wortwahl: «Wasser rinnt über weisse Papierflächen, physikalisch ungemein komplexen Gesetzen folgend. Die Oberflächenspannung des Wasserflusses, der Widerstand des trockenen Papiers, das Gefälle der Malfläche und die Bildvorstellung des im Hintergrund agierenden und mitbestimmenden Malers sind Partner im Wechselspiel zwischen physikalischen Vorgängen und dem dirigierenden Pinsel des Malers.»

Georg Malin der Konservator
Was die Kunst betrifft, stand Georg Malin jedoch nicht nur hinter der Staffelei oder vor einem Felsbrocken zur Bearbeitung. Vielmehr wechselte er auch die Seite und war gleichzeitig erfolgreicher Kunstvermittler in seiner Funktion als Konservator der Staatlichen Kunstsammlung. Nachdem Maurice Arnold Graf von Bendern dem Land Liechtenstein im Jahr 1967, aus Anlass der Hochzeit von Fürst Hans-Adam II. und Fürstin Marie, eine Reihe von Ölgemälden geschenkt hatte, wurde die Stiftung «Liechtensteinische Staatliche Kunstsammlung» gegründet. Stiftungsrat und Regierung waren sich sofort einig, dass es nur einen Konservator gebe, der die hohe Zielsetzung der Kunststiftung mit Wissen, Können und Tatkraft umsetzen könne – nämlich Georg Malin. Den Aufbau der Kunstsammlung trieb er mit Umsicht und mit grosser Sachkenntnis voran. Ihm schwebte vor, ein «Zentrum von sympathischer kultureller Ausstrahlung» zu schaffen – mit entsprechenden positiven Auswirkungen für das Land. Die Sammeltätigkeit konzentrierte er auf Kunstwerke aus dem 20. Jahrhundert, denn er wollte keine Konkurrenz zur Fürstlichen Sammlung schaffen, sondern eine Ergänzung.
Für ihn als Konservator der staatlichen Kunstsammlung war es eine herbe Enttäuschung, dass das Projekt «Kunsthaus Vaduz» nach jahrelangen politischen und juristischen Auseinandersetzungen in die Schublade entsorgt wurde – und die Kunstschätze der fürstlichen Sammlung nicht dauerhaft in Vaduz ausgestellt werden konnten. «Das Kunsthaus wurde zum Symbol dörflichen Unbehagens», kritisierte der engagierte Aussen- und Kulturpolitiker mit Blick auf die vergebene Chance, der Welt einen Kulturmittelpunkt präsentieren zu können. Resignation schimmerte durch, als er in diesem Zusammenhang die Unterschiede zwischen Dorf- und Weltkultur charakterisierte: «Vaduz stimmte just zu dem Zeitpunkt über die Kreditgewährung für öffentlichen WC-Anlagen im geplanten Kunsthaus ab, als die Medien der westlichen Welt die Liechtenstein-Ausstellung im Metropolitan Museum of Art in New York bejubelten.»


Georg Malin der Jubilar
Georg Malin, der Künstler, Historiker, Politiker, Konservator, hat vieles geschaffen, vieles für die Zukunft angeregt, das weit über die Grenzen unseres Landes von Bedeutung geworden ist. Bei seinem 100. Geburtstag kann er mit Zufriedenheit auf ein grosses Lebenswerk zurückblicken. Wir gratulieren ihm zu seinem Geburtstag und erinnern uns mit Dankbarkeit an sein breit gefächertes Lebenswerk.





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