Abtreibung ist kein Freiheitsrecht, sondern ein Armutszeugnis der Gesellschaft

 

Leserbrief von Norbert Obermayr, Mauren

Die Legalisierung der Abtreibung wird als Fortschritt verkauft und mit der „Selbstbestimmung der Frau“ begründet. Doch Selbstbestimmung beginnt nicht erst nach Eintritt einer Schwangerschaft, sondern davor – in der Entscheidung zur Sexualität. Schwangerschaft ist keine Laune der Natur, sondern eine bekannte Folge menschlichen Handelns. Abtreibung ist daher keine Ausübung von Freiheit, sondern die nachträgliche Aufhebung von Verantwortung.

Diese Verantwortung ist nicht nur weiblich, sondern immer auch männlich. Zeugung ist kein biologischer Unfall, sondern gemeinsames Handeln. Wo Männer Sexualität wollen, ohne Vatersein mitzudenken, beginnt Verantwortungslosigkeit. Wer sich nach Eintritt einer Schwangerschaft entzieht, verschiebt die gesamte Last auf die Frau und erzeugt oft erst jenen Druck, unter dem Abtreibung als scheinbar einzige Lösung erscheint.

Abtreibung ist damit nicht nur Ausdruck weiblicher Not, sondern auch Ergebnis männlicher Verantwortungslosigkeit. Nicht das Kind erzeugt den Konflikt, sondern das Fehlen eines tragenden Vaters und tragender gesellschaftlicher Strukturen. Wer Abtreibung akzeptiert, um das eigene Leben ungestört fortzusetzen, benutzt sie faktisch als Exit-Strategie aus der eigenen Verantwortung. Das ungeborene Kind wird zum Preis männlicher Freiheit.

Wer Abtreibung als normales Mittel akzeptiert, erklärt entstehendes Leben zum Problem, das beseitigt werden darf. Damit verschiebt sich das moralische Versagen: Nicht mehr die Verhältnisse werden kritisiert, sondern das Leben selbst. Eine Frau treibt in den seltensten Fällen aus Autonomie ab, sondern aus Druck – wirtschaftlich, sozial, partnerschaftlich.

Eine gerechte Gesellschaft organisiert Hilfe statt Eliminierung, Solidarität statt Selektion. Ihr Ziel ist nicht, Abtreibung zu erleichtern, sondern sie überflüssig zu machen.