Auf der Suche nach dem Gleichgewicht

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LDickson, Museum of Chinese in America, CC BY-SA 4.0

Dr. Marco Ospelt unterhält seit vielen Jahren in Triesen eine TCM-Praxis (Traditionelle Chinesische Medizin). Im Interview erzählt er, wie es dazu kam, dass er sich als Allgemeinmediziner der TCM zugewandt hat, warum er zahlreiche Engagements betreibt und worum er immer wieder kämpfen muss.

Text: Tamara Beck

Herr Dr. Ospelt, wie kamen Sie von der Allgemeinmedizin zur TCM?
Dr. Marco Ospelt: Es gibt Situationen, in denen die konventionelle Medizin nicht helfen kann. Man muss sich nur die Selbsthilfegruppen ansehen. Eine Krankheit, zu der es eine Selbsthilfegruppe gibt, birgt Probleme, die mit den Mitteln der konventionellen Medizin allein nicht zu lösen sind. Zudem gibt es Störungen im Körper, trotz einer völlig normalen Struktur.

Was meinen Sie damit?
Die konventionelle Medizin untersucht vor allem die Strukturen. Sie sucht nach etwas Messbarem. Aber es gibt eben Beschwerden, Störungen in den Funktionen des Körpers, obwohl die Struktur normal ist. Der Arzt findet keine messbaren Veränderungen, zum Beispiel bei psychosomatischen Erkrankungen, die in der Allgemeinmedizin oft sehr schwierig zu behandeln sind. Die TCM denkt ganz anders. Sie schaut nicht auf die Struktur, sondern achtet auf die Energetik und sieht sich an, wie der Körper mit einer Störung des Energieflusses umgeht.

Wo greift die TCM noch?
Viele Behandlungen sorgen für unangenehme Nebenwirkungen. Hier können wir mit der TCM als Komplementärmedizin erfolgreich Linderung verschaffen. Ich finde, dass möglichst viele Menschen davon profitieren sollten.

«Es gibt Probleme, die mit den
Mitteln der konventionellen Medizin allein nicht zu lösen sind.»

Dr. Marco Ospelt

 

Haben Sie der Schulmedizin abgeschworen?
Nein, überhaupt nicht. Mit meinem Wissen aus der Allgemeinmedizin erkenne ich, wo die TCM etwas beitragen kann und wo sie an Grenzen stösst.

Sie haben die TCM lange parallel zur Allgemeinmedizin in einer Gemeinschaftspraxis betrieben. Bis Sie selber erkrankt sind.

Ich litt an einer schweren Krebserkrankung, die mich ein Jahr lang quälte und mich in die Situation brachte, meinen Anteil an der Praxis zu verkaufen. Ich hätte vorher nie den Mut gehabt, mich komplett der TCM zuzuwenden. Erst durch meine Krankheit habe ich den Schritt gewagt und nach meiner Gesundung meine heutige TCM-Praxis aufgebaut.

Sie sind nicht nur Arzt, Sie engagierten sich auch zeitlebens für andere. Sie waren früher Lawinenhundeführer, bestritten Einsätze in Erdbebengebieten, waren Mitglied des Landtags und Fraktionssprecher der FBP. Derzeit sind Sie Stiftungsratspräsident der Liechtensteinischen Musikschule, Vizepräsident des Behindertenverbands, Vorstandsmitglied des Demenzvereins sowie Mitglied im Rotary Club. Was ist Ihr Ansporn?
Wir sind alle privilegiert. Wer studieren konnte, ist es nochmals mehr als andere, denn ein Studium kann man nie selber finanzieren. Es gehört für mich dazu, auch etwas zurückzugeben – dort, wo ich meine Stärken habe oder wo Menschen auf mich zukommen. Es handelt sich bei diesen Engagements um wichtige und für mich auch befriedigende Aufgaben.

Wie haben Sie Ihre Einsätze mit Rettungshund für die Organisation REDOG während der grossen Erdbeben in der Türkei und Japan erlebt?
Es waren sehr intensive Erlebnisse. In der Türkei gelang uns eine Lebendrettung, das war natürlich fantastisch. Nach nur wenigen Tagen sinkt leider die Chance, noch jemanden zu retten. Zudem war ich vor allem auch für die ganzen Rettungshelfer als Arzt im Einsatz.

Wie schaffen Sie es, sich neben Beruf und Familie die Zeit für Ihre Engagements zu nehmen?
Im Landtag war das in der Tat ein grosses Problem. Das ist ein enormer zeitlicher Aufwand und eine Aufgabe, in die man die Familie selten integrieren kann. Ich habe es bis heute nicht erreicht, ein Gleichgewicht zu finden zwischen meinen Engagements und meinem Familienleben. Es ist ein ewiger Kampf.

Immerhin arbeitet Ihre Frau als medizinische Masseurin in Ihrer Praxis …
Das war natürlich eine ideale Kombination. Sie ist aber mittlerweile im Ruhestand.

Was tun Sie, wenn Sie Zeit für sich haben? Worin finden Sie Ihren Ausgleich?
In der Bewegung mit meinem Hund, sei es auf Spaziergängen oder beim Spiel. Wenn ich dazu komme, spiele ich Klavier, seltener auch Schach. Die musische Seite ist mir auch wichtig.

Wie lange wollen Sie noch praktizieren, und was haben Sie für die Zeit danach geplant?
So lange ich kann, es mir gut geht und ich Freude daran habe. Es ist mir nach wie vor ein grosses Anliegen, die TCM weiterzuentwickeln und die bereits gute Akzeptanz in Liechtenstein weiter zu fördern.


Traditionelle Chinesische Medizin (TMC)

In der Traditionellen Chinesischen Medizin wird der menschliche Körper als ein Mikrokosmos betrachtet, in dem sich die grossen kosmischen Zusammenhänge widerspiegeln. Der Mensch ist eingebettet in die universale Rhythmik, zwischen Himmel und Erde, zwischen den Polen Yin (Lebenssaft) und Yang (Lebenskraft). Gesundheit bedeutet hier ein ausgewogenes Verhältnis beider Polaritäten – Yin und Yang sind also im Einklang.

Formen der Therapie:

Akupunktur (lateinisch: acus=nadel; pungere= stechen):  Höhlungen, Vertiefungen oder auch Eingänge über die Haut erlauben einen Zugang zum energetischen Fliesssystem im Körper. Es gibt sogenannte klassische Akupunkturpunkte, die eine Formung des Qi (Energie) durch Einwirken von aussen ermöglichen.

Arzneimittel: Seit Beginn der Traditionellen Chinesischen Medizin ist die Anwendung von pflanzlichen, mineralischen und selten auch tierischen Stoffen das mit Abstand wichtigste, vielfältigste und am feinsten steuerbare Heilverfahren. Ein Beispiel für die Anwendung dieser Prinzipien zur Vorbeugung von Erkältungskrankheiten ist die Zubereitung eines Tees mit ausgekochten Ingwer-Scheiben, etwas Zitronensaft und einem Löffel Honig.

Diätetik: In der chinesischen Diätetik werden Nahrungsmittel (genau wie die Arzneimittel) gemäss ihrer Wirkung auf den Menschen nach Geschmacksrichtung, Temperaturverhalten und Wirktendenz beschrieben. Ein einfacher Merksatz, um nahrungsbedingte Störungen im energetischen Gleichgewicht zu vermeiden ist, möglichst verschiedene, vielseitige Nahrungsmittel zu sich zu nehmen und einseitiges Essen zu vermeiden.

Bewegungsübungen: Mittels Qi Gong und Tai Chi wird die Energie im Körper durch spezielle Bewegungsabläufe reguliert.

Behandlungsmöglichkeiten und Grenzen

Die Traditionelle Chinesische Medizin hat ihr Haupteinsatzgebiet bei der Behandlung von chronischen Krankheiten wie z.B. Infektanfälligkeit, Hauterkrankungen, Allergien, Migräne, chronischen Schmerzen oder Rheuma. Ihre Grenzen findet die TCM dort, wo ein mechanisches Problem wie beispielsweise ein Knochenbruch bzw. Darmverschluss vorliegt oder wo Gewebe verloren gegangen ist.

Der Spezialist:
Dr. med. Marco Ospelt, Praxis für Traditionelle Chinesische
Medizin, Triesen