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RR Dominique Gantenbein: „Das Bildungssystem wird sich an den Herausforderungen orientieren müssen

Der Abg. Daniel Seger stelle Regierungsrätin Dominique Hasler u.a. eine Kleine Anfrage zur Frage der Einbürgerungen resp. Rückbürgerungen. 

Im Gespräch mit Regierungsrätin Dominique Gantenbein

Ende März hat Regierungsrätin Dominique Gantenbein das Ressort Bildung übernommen. Sie habe ein faszinierend differenziertes Angebot und eine Vielzahl engagierter Lehrpersonen vorgefunden und freute sich nun auf die aktive Gestaltung des Liechtensteiner Bildungswesens. Interview von Heribert Beck  in der lie-zeit PRINT vom 17.6.2017

 

lie-zeit: Schulreformen sind seit SPES ein Reizwort. Wie viel Handlungsspielraum haben Sie als Bildungsministerin überhaupt bei der Gestaltung der Bildungslandschaft Liechtenstein?

Dominique Gantenbein: Bildung ist für unsere Gesellschaft sehr wichtig. Entsprechend gross ist auch das Interesse an der Bildungspolitik und die Diskussionsbereitschaft für Themenstellungen in diesem Bereich. Das ist eine wichtige Voraussetzung, denn was uns alle angeht, müssen wir auch alle gemeinsam angehen. Mit dieser Haltung möchte ich in meiner Verantwortung den Bildungsbereich gemeinsam mit allen Beteiligten weitergestalten. Bei einem Thema, wo jeder seine Meinung einbringen kann, gehört es aber einfach auch dazu, dass nicht alle die gleiche Meinung vertreten und somit auch Kritik an Entscheidungen formuliert wird. Folglich gibt es für mich im Bildungskontext keine Reizworte wie z. B. SPES, sondern es gibt wie in jedem Entwicklungsprozess Inhalte, die keine Mehrheit finden. Grundsätzlich denke ich nicht in Reformen, sondern in Prozessen, was den Handlungsspielraum in meinen Augen erweitert.

Wie haben Sie das Ressort bei der Amtsübergabe vorgefunden?

Seit meinem Amtsantritt führe ich viele Gespräche mit den in unserem Verantwortungsbereich liegenden Organisationen. Das Bildungssystem umfasst von der Frühförderung bis zur Erwachsenenbildung, von der Kunst- und Musikschule bis hin zur Universität ein faszinierend differenziertes Angebot, das von vielen engagierten Lehr- und Fachpersonen tagtäglich aktiv gestaltet wird. In den Begegnungen erlebe ich eine konstruktive Offenheit und eine in die Zukunft gerichtete Haltung, für die ich sehr dankbar bin.

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«Grundsätzlich denke ich nicht in Reformen, sondern in Prozessen.»

Dominique Gantenbein, Regierungsrätin

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Wo sehen Sie Handlungsbedarf ,und was für Reformen haben Sie im Sinn?

Mit dem raschen gesellschaftlichen Wandel verändern sich auch die Anforderungen an das Bildungssystem. Die Welt ist global geworden, wir erleben einen Digitalisierungs-Boom, und die beruflichen und familiären Strukturen verändern sich, um nur einige Trends unserer Gesellschaft zu nennen, welche auch das Bildungssystem nachhaltig beeinflussen werden. Im Wandel der Zeit wird sich das Bildungssystem an den Herausforderungen orientieren müssen, die nicht nur reaktive Anpassungen, sondern auch zukunftsorientierte Strategien erfordern. Es braucht verbindliche Ziele zur Orientierung, wohin sich der Bildungsbereich mit all den damit verbundenen staatlichen Angeboten entwickelt. Vor diesem Hintergrund sehe ich den grössten Handlungsbedarf in der Erarbeitung einer integrierten Bildungsstrategie 2025, welche alle Bereiche vom Kindergarten bis zur Erwachsenenbildung abdeckt und unter Einbezug aller Beteiligten erarbeitet wird.

Wie sieht es aus mit der Verlängerung der Primarschulzeit auf sechs Jahre? Wird hier eine Anpassung an die Schweiz und den Lehrplan 21 geschehen oder gehen Sie Strukturreformen unabhängig von Lehrplanreformen an?

Mit dem Lehrplan 21 haben die 21 deutsch- und mehrsprachigen Kantone die Ziele der Schule harmonisiert. Im gleichen Zug haben auch alle diese Kantone auf sechs Jahre Primarschule gewechselt, sofern dieser Schritt nicht schon vollzogen war. Da sich Liechtenstein im Pflichtschulbereich sehr stark an der Schweiz orientiert, stellt sich die Frage der Primarschuldauer natürlich auch für uns. Umso mehr, als die Regierung Ende der letzten Legislaturperiode beschlossen hat, den liechtensteinischen Lehrplan auf der Grundlage des Schweizer Lehrplanes 21 zu überarbeiten.

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«Eine Bildungsstrategie, welche alle Bereiche abdeckt.»
Dominique Gantenbein, Regierungsrätin

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Die Anpassung des Liechtensteiner Lehrplans auf der Basis des Lehrplans 21 geschieht grundsätzlich zwar unabhängig von der Primarschuldauer, für die definitive Ausgestaltung ist es aber wichtig, einen Entscheid vorliegend zu haben. Wenn wir bei fünf Jahren Primarschuldauer bleiben, haben wir natürlich den grösseren Anpassungsbedarf, weil die Übereinstimmung nicht nur beim Lehrplan, sondern auch bei Lehr- und Unterrichtsmitteln einfacher gegeben ist. Die Schulstrukturen umfassen jedoch weit mehr als die Dauer einer Stufe, so ist beispielsweise die Ausgestaltung der Sekundarstufe I in den Deutschschweizer Kantonen ganz unterschiedlich und reicht von integrativen über kooperative bis hin zu separativen Modellen. Das Thema wird derzeit sehr kontrovers diskutiert.

Wie sehen Sie die Zusammenarbeit mit der Universität, der privaten Universität und der «Formatio»? Was müssen diese erfüllen beziehungsweise leisten, um staatliche Förderung zu bekommen?

Ich schaue der Zusammenarbeit mit Freude entgegen. Was die einzelnen Bildungsinstitutionen erfüllen müssen, hängt sehr stark vom Status ab. Die Universität Liechtenstein ist eine staatliche Stiftung und wird zum grössten Teil durch öffentliche Mittel finanziert. Hier übt die Regierung die Oberaufsicht aus und formuliert die Eckpunkte der strategischen Ausrichtung in der Eignerstrategie.

Private Hochschulen, wie die «Private Universität im Fürstentum Liechtenstein» und die «Internationale Akademie für Philosophie», sind hingegen privatwirtschaftliche Unternehmen ohne gesetzlichen Anspruch auf staatliche Finanzierung. Die Aufsicht der Regierung beschränkt sich hier auf die Kontrolle der Einhaltung der im Hochschulgesetz formulierten Mindestanforderungen.

Privatschulen wie die «Formatio», aber auch die Waldorfschule haben die Chance, für ein bestimmtes Segment eine Alternative zu den öffentlichen Schulen anzubieten. Der Staat unterstützt die Privatschulen mit einem Beitrag pro Schüler. Jedoch müssen dafür bestimmte Bedingungen gegeben sein. Dazu gehören beispielsweise geeignete Schulräumlichkeiten oder qualifiziertes Lehrpersonal.

 

 

 

 

 

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