Sonderausstellung: «1866 – Liechtenstein im Krieg – Vor 150 Jahren»

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Fürst Johann II. von Liechtenstein, 1859

 

Die Sonderausstellung «1866 – Liechtenstein im Krieg – Vor 150 Jahren» zeigt ein in der Öffentlichkeit wenig bekanntes, für Liechtenstein indes bedeutendes Epochenjahr. 2016 jährt es sich zum 150. Mal.

Liechtenstein verliert mit dem Ende des Deutschen Bundes seine internationale Einbindung, gewinnt erstmals wirkliche Souveränität, tritt ins Industriezeitalter ein, bleibt wirtschaftlich durch Österreich gesichert, verwirklicht auf der Grundlage der konstitutionellen Verfassung von 1862 eine Fülle von Reformen, bis heute nachwirkend, und erlebt einen kulturellen Aufschwung.

Die Sonderausstellung «1866» führt jene turbulente Zeit anschaulich vor Augen und hebt ihre Be­deutung für die Entwicklung Liechtensteins bis heute ins Bewusstsein. Kurator der Ausstellung ist der Historiker PD Dr. Peter Geiger. Er hat in seiner Dissertation die Geschichte Liechtensteins von 1848 bis 1866 erforscht (publiziert im Jahrbuch des Historischen Vereins, JBL 70, 1970).

Ereignisse

Ende des Deutschen Bundes: Krieg

Im Machtkampf zwischen Preussen und Österreich um die Vormacht in Deutschland zerbrach 1866 der seit 1815 bestehende Deutsche Bund, der ein halbes Jahrhundert Frieden bewahrt hatte. Der preussische Kanzler Otto von Bismarck warf Liechtenstein zornig vor, auch wegen des Fürstentums komme es zum Krieg, es habe die Abstimmung im Bundesrat in Frankfurt verfälscht. Der Preussisch-Österreichische Krieg, mit Beteiligung der beiderseitigen Verbündeten, wurde am 3. Juli 1866 bei Königgrätz für Preussen vorentschieden. Mit dem Friedensschluss von Prag fiel Österreich aus Deutschland heraus – und ebenso Liechtenstein, das dank seiner Randlage nicht im Bismarckschen Deutschland aufging.

«Wir sind verkauft!»

Helle Aufregung erfasste die liechtensteinische Bevölkerung, als bekannt wurde, dass das 80-köpfige Militärkontingent auf österreichischer Seite ausrücken müsse. «Wir sind verkauft, verraten», hiess es. Der junge, 26-jährige Fürst Johann II. kam ins Land, es gelang ihm, Landtag und Bevölkerung vorerst zu beruhigen. Er stellte das Kontingent dem österreichischen Kaiser zur Verfügung, gegen die italienischen Freischaren, nicht gegen Preussen.

Letzter Ausmarsch

Es kam noch zum Ausmarsch, unter grosser Besorgnis im Land. 80 Mann mit Gewehren, Kugeln, Bajonetten marschierten zum Einsatz an der österreichischen Grenze westlich des Stilfser Jochs. Es gab keine Feindberührung mehr. Gross war die Freude über die heile Rückkehr nach sechs Wochen. Zwei Jahre später schafften Landtag und Fürst 1868 das teure, obsolet gewordene Bundeskontingent ab. Seither ist Liechtenstein ohne Armee. Veteranen gründeten 25 Jahre später einen Verein. Der letzte von ihnen, Andreas Kieber aus Mauren, starb 1939.

«… noch im Krieg mit Preussen»?

Hartnäckig hielt sich, teils bis heute, die Meinung, Liechtenstein stehe seit 1866 noch im Krieg mit Preussen. Denn es sei im damaligen Friedensvertrag vergessen worden. Das ist pure Legende. Liechtenstein erscheint im Vertrag nicht, weil Preussen es gar nicht als kriegführend betrachtet hatte und daher mit ihm auch nicht Frieden schliessen musste.

Konstitutionelles Leben, Reformen

Ab 1862 war die neue, von Fürst Johann II. erlassene, mit dem ständischen Landtag vereinbarte konstitutionelle Verfassung in Kraft. Nun hatte der Landtag mitentscheidende Rechte in Gesetzgebung, Steuerbewilligung und Aussenpolitik. Jedes Gesetz bedurfte der Zustimmung von Landtag und Fürst. Bis 1866 und darüber hinaus griff mit zahlreichen Reformgesetzen eine eigentliche Modernisierung Platz: Gemeindegesetz, Zehntablösung, Steuergesetz, Gewerbeordnung, Sparkassagesetz, Gewässergesetz, Feuerpolizei, Waldordnung, Rüfegesetz, Armenfürsorge, Orts- und Landesschulrat, Aufhebung der aus der Leibeigenschaft verbliebenen Fasnachtshenne und anderer alter Abgaben wie Pleuelgeld, Neugereutschilling und Wegmaut, auch Klärungen im Verhältnis von Kirche und Staat.

Wirtschaftlicher Aufschwung

In dieselben Jahre fällt ein wirtschaftlicher Aufschwung. In der traditionell dominierenden Land- und Forstwirtschaft wurden Neuerungen für Viehzucht, Ackerbau, Obst, Bienenzucht und Waldnutzung eingeführt, ebenso Handwerk und Gewerbe gefördert. Eine Landesausstellung zeigte die Produkte des «liechtensteinischen Volksfleisses». Neu zog Industrie ein, mit einer ersten Baumwollweberei im Mühleholz 1861. Ein gutes Jahrzehnt später waren an 471 Webstühlen 250 Arbeitskräfte tätig, überwiegend weibliche. Männer zogen nach wie vor zu Hunderten als Saisonarbeiter in die Schweiz. Innovationsgeist lebte. Man pflanzte Maulbeerbäume im Land, Seidenraupenzucht begann in Vaduz, Schaan und später Mauren. Geld floss leichter. Die 1861 gegründete «Spar- und Leihkassa» nahm Spargeld (gegen 4 % Zins) und gab Kredite (zu 5 %), in jährlich steigendem Ausmass. Die Infrastruktur wurde modernisiert. Strassen erschlossen die Berggemeinden Triesenberg, Schellenberg, Planken und die Alpen, es gab mehr Briefboten und Poststellen. Ab 1868 entstanden vier Brücken über den zuvor nur per Fähre zu querenden Rhein. Der Landtag erteilte die Konzession für die Eisenbahn Feldkirch–Schaan–Buchs, sie fuhr ab 1872.

Kultureller Aufbruch

Parallel ging ein kulturelles Erwachen. Erstmals erschien 1863 eine Zeitung im Land, die «Liechtensteinische Landeszeitung» (alsbald «Liechtensteiner Landeszeitung»). Sie kam monatlich zweimal, ab 1865 dreimal. Sie informierte über Landesgeschehen, Landtag, Nachbarn und Welt. Vereine wurden gegründet, für Lehrer, Landwirte, Bienenzüchter, Blasmusikanten, Laientheater, Schützen. Das Schulwesen wurde durch obligatorische Fortbildungsschulen ergänzt, für beide Geschlechter.

Zoll- und Steuereinigung mit Österreich, Souveränität

Der Zoll- und Steuervertrag von 1852 mit Österreich stand zur Erneuerung an. Sie erfolgte 1863/64 mit Zustimmung von Landtag und Fürst – trotz breiter Opposition in der Bevölkerung und Wünschen nach Umorientierung zur Schweiz. Der Zollvertrag sicherte dem Staat einen jährlichen Einnahmensockel und öffnete der Industrie den österreichischen Markt. Die österreichische Guldenwährung galt im Lande. Nach dem Wegfall des Deutschen Bundes 1866 war die wirtschaftliche Verbindung mit Österreich noch die einzige internationale Einbindung des Landes. Liechtenstein war nun ganz souverän und zugleich ökonomisch abgesichert.

Blick auf die Welt

Der Blick wird exemplarisch auch auf die weitere Welt gerichtet: Ende des Sezessionskriegs in Amerika, Sklaverei in Afrika, Nationalstaaten in Europa, Kolonialismus, Imperialismus, Weltwirtschaft, China.

Ausstellung, Termine

Die Ausstellung «1866» im Liechtensteinischen Landesmuseum zeigt Originalexponate zu Kontingent, Wirtschaft und Gesetzen, rund 20 erklärende Text- und Bildstelen, eine Litfasssäule, einen Zeitungstisch mit der «Liechtensteiner Landeszeitung» sowie einen Bilder-Screen, alles umrahmt von wandgrossen Bildern der Zeit. Die Beschriftungen sind in Deutsch, auf den Stelen ergänzt durch knappe Zusammenfassungen in Englisch und Chinesisch.

Die Vernissage der Ausstellung findet am Mittwoch, 11. Mai 2016, um 18.00 Uhr statt. Die Ausstellung dauert vom 12. Mai bis 11. September 2016.

Begleitprogramm, Katalog

Zur Ausstellung findet ein Begleitprogramm mit öffentlichen Führungen durch den Kurator Peter Geiger, ebenso am Mittwoch, 7. September 2016, in Kooperation mit dem Historischen Verein für das Fürstentum Liechtenstein ein Vortrag des Kurators.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, der im Museumsshop erhältlich ist.

 

 

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