Das Jahr 2020 als «digitales Zukunftsjahr»?

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Aufgrund der positiven Resonanz zur ersten Konferenz und der ungebrochenen Aktualität des Themas, veranstaltete der Propter Homines Lehrstuhl für Bank- und Finanzmarktrecht der Universität Liechtenstein am 22. Oktober 2020 zum zweiten Mal die Tagung «Digitalization in Finance and Law».

 Die in Kooperation mit Nägele Rechtsanwälte GmbH, PwC Zürich und dem Liechtensteinischen Bankenverband durchgeführte Veranstaltung, bot den Teilnehmenden die Möglichkeit, sich über aktuelle Fragen der Digitalisierung zu informieren und sich mit hochkarätigen Expertinnen und Experten auszutauschen. Begrüsst wurden die rund 60 BesucherInnen von Bianca Lins, welche auf die Besonderheiten des Jahres 2020 verwies. Neben freudigen Ereignissen wie der 25-jährigen Mitgliedschaft Liechtensteins im EWR und des In-Kraft-Tretens des Token-und VT-Dienstleister-Gesetz, stand dieses Jahr doch ganz im Zeichen der Corona-Pandemie. Neben den grossen Herausforderungen für Gesellschaft und Wirtschaft brachte die Krise auch einen enormen Digitalisierungsschub mit sich – «fast, wie ein grosses digitales Experiment in Echtzeit», so Bianca Lins.

Regierungschef spricht Keynote
In seiner Keynote zum Thema «Blockchain & DLT: Vergangenheit, Gegenwart & Zukunft“ betonte Regierungschef Adrian Hasler die grosse Chance, welche die Digitalisierung als Innovationstreiber für ganz Europa bietet. Liechtenstein hat diese Chance mit dem Erlass des «Blockchain-Gesetzes» frühzeitig genutzt; die Europäische Kommission zieht mit dem Digital Finance Package nach. Nun gilt es, so Hasler, den mutigen Weg weiter zu gehen und Innovation nicht nur zuzulassen, sondern weiterhin aktiv zu fördern.

Im Zentrum des Vortrags von Rechtsanwalt Thomas Nägele, Managing Partner, NÄGELE Rechtsanwälte GmbH (Vaduz), standen die künftigen Einsatzmöglichkeiten der Blockchaintechnologie in den Sekundärmärkten des europäischen Kapitalmarkts. Vor allem in der Nachhandelsphase könne die Blockchain genutzt werden, um als Technologie «where the magic happens» Gegenparteirisken zu migitieren und so Finanztranskationen effizient und gleichermassen vertrauenswürdig zu gestalten.

Hochrangige Referenten
Der Vortrag von Prof. Dr. Philipp Sandner, Leiter des Frankfurt School Blockchain Centers, Frankfurt School of Finance & Management (Frankfurt am Main), war dem Thema «Der programmierbare Euro und die Tokenisierung von Industriegütern» gewidmet. Einen vertieften Einblick in die von den vorigen Referenten gelobte „Digital Finance Strategy“ der Europäischen Kommission bot Dr. Joachim Schwerin, Principal Economist, Europäische Kommission, Generaldirektion GROW (Brüssel), in der zweiten Keynote des Tages. Im Hauptfokus der Europäischen Kommission stehe das Ziel, eine vollkommen integrierte Ökonomie zu schaffen, in welcher die gesamte Wertschöpfung auf der Blockchain möglich sei. Neben ökonomischen seien hierbei auch nicht-ökonomische Faktoren wie Bildung und zivilrechtliche Ordnungen entscheidend. Liechtenstein sei in diesem Bereich durch die entsprechenden Weiterbildungsprogramme der Universität, insbesondere dem Zertifikatsstudiengang Digital Legal Officer, und der fortschrittlichen Gesetzgebung sehr gut aufgestellt. Prof. Dr. Nicolas Raschauer, Inhaber des Propter Homines Lehrstuhls für Bank- und Finanzmarktrecht, Universität Liechtenstein, zeigte, dass Digitalisierung in der Finanzwelt auch abseits von Blockchainregulierung stattfindet. Entgegen weitläufiger Befürchtungen, steht diese Entwicklung nicht im Gegensatz zum Regime der DSGVO.

Im Anschluss an den Netzwerklunch referierte MMag. Luca Caramanica, Juristischer Spezialist, Stab der Geschäftsleitung, Finanzmarktaufsicht Liechtenstein (Vaduz), zum spannenden Thema „Künstliche Intelligenz in der Finanzmarktregulierung und -aufsicht“. Passend zum Thema seines Vorredners betrachtete Philipp Rosenauer, Director, Legal FS Regulatory & Compliance Services, PwC Schweiz (Zürich), das Thema Big Data und Regulatory Compliance. Unter dem Motto „Data ist the new Oil“ plädierte der Vortragende dafür, dass Unternehmen Daten nicht mehr als reines IT-Tool verstehen sollen, sondern als strategische Assets nutzen. Im finalen Vortrag demonstrierte Prof. Dr. Stefan Seidel, Inhaber des Lehrstuhls für Informationssysteme und Innovation, Universität Liechtenstein, was die Finanzindustrie von der Videospieleindustrie lernen kann. Im Wege eines „product assisted learning“ können auch Finanzintermediäre bereits eingesetzte Produkte durch Benutzer-Feedback und daraus gewonnenen Daten deutlich optimieren.

Zusammenfassend scheint der Leitsatz des letztjährigen Events dieses Jahr noch passender, denn „digital“ ist vor allem in dieser herausfordernden Zeit „das neue Normal“.