S. D. der Landesfürst kümmert sich seit der Übergabe der Staatsgeschäfte an S. D. den Erbprinzen in verstärktem Masse um den Ausbau des fürstlichen Vermögens. Er ist sozusagen der Vermögensverwalter der dem Fürstenhaus nahestehenden Personen. Hans-Adam II. hat bereits nach seinem Studium – gegen teils erhebliche Widerstände innerhalb des Fürstenhauses, wie er uns erklärte – damit begonnen, das Vermögen neu zu strukturieren, aufzubauen und zu erweitern. Dies war nur eine von mehreren Fragen, die die «lie-zeit» bei einem kürzlichen Besuch auf dem Schloss an den Landesfürsten richtete.

Interview: Herbert Oehri, Walter B. Wohlwend
Fotos: Oliver Hartmann 

Im September 1970 forderten Sie an einer Veranstaltung der Industriekammer in Ihrer bis heute unter dem Titel «Rucksackrede» bekannten Ansprache mehr aussenpolitische Initiativen des Landes und mehr Selbständigkeit. Vieles hat sich seither für das Land geändert. Sind Sie mit der seitdem eingetretenen Entwicklung zufrieden?

Fürst Hans-Adam II: Ja. Sowohl mit der Aussen- als auch mit der Innenpolitik. Ausserdem ist es mir gelungen, das Fürstliche Vermögen neu aufzubauen und die stimmberechtigten Familienmitglieder davon zu überzeugen, ein neues Hausgesetz zu beschliessen. Das alte Hausgesetz stammte aus dem Beginn des 17. Jahrhunderts, und verschiedene Fürsten sind bei Reformversuchen jeweils gescheitert.

Mit mehr als 39‘000 immatrikulierten Motorfahrzeugen (2016) ist Liechtenstein der einzige Staat auf der Welt, der mehr Motorfahrzeuge als Einwohner zählt. Sollten wir uns darüber freuen, ärgern oder einfach resignieren?
Die hohe Zahl von Motorfahrzeugen in Liechtenstein ist einerseits ein Zeichen unseres sehr hohen Wohlstandes, andererseits auf die Tatsache zurückzuführen, dass wir kein Stadtstaat sind, sondern dass unsere Bevölkerung es vorzieht, in Streusiedlungen zu wohnen, verteilt auf elf Gemeinden.

Gemäss Publikation des Amtes für Statistik zählte unser Land im Juni 2016 gegen 38‘000 Einwohner/-innen. Die Zahl der Beschäftigten (Voll- und Teilzeitbeschäftigte) erreichte im gleichen Jahr rund 37‘500 Personen. Sollten wir auf diese Entwicklung stolz sein? Und wie sollen wir uns vorsorgen, wenn uns ein allfälliges Konjunkturtief zum schnellen Abbau von Arbeitsplätzen zwingt?
Die etwas grösseren Unternehmen hier in Liechtenstein haben aufgrund des beschränkten Zuzugs von Arbeitskräften Tochtergesellschaften im Ausland. Die Erfahrung hat gezeigt, dass bei einem Konjunkturtief diese Unternehmen in der Regel zuerst die Arbeitsplätze im Ausland abbauen. Aufgrund der international sehr niedrigen Arbeitslosigkeit bei uns im Land führt selbst ein Abbau von Arbeitsplätzen hier bei uns in der Regel dazu, dass Arbeitslose sehr rasch eine neue Stelle finden. Deshalb glaube ich nicht, dass der Staat jetzt schon irgendwelche Massnahmen ergreifen muss.

 

«Ich bin der Meinung,

dass man das Pensionsalter

erhöhen sollte.»

 

Eine Publikation der Stiftung Zukunft.li besagt, dass sich die Zahl der 80-Jährigen in unserem Lande innerhalb der nächsten 10 bis 15 Jahre gegenüber heute mehr als verdoppelt. Ist unser Kleinstaat stark genug, um die künftigen demographischen Herausforderungen zu bewältigen?
Ich bin schon lange der Meinung, dass man das Pensionsalter international erhöhen sollte. Soweit ich weiss, hat Bismarck im damaligen Zweiten Deutschen Reich erstmals – zumindest in Europa – ein Pensionssystem, wie wir es heute kennen, eingeführt und damals das Pensionsalter auf 65 Jahre festgesetzt. Das war die damalige durchschnittliche Lebenserwartung. Heute liegt diese Lebenserwartung 10 – 20 Jahre höher, aber Politiker haben, um Stimmen zu gewinnen, das Pensionsalter nicht erhöht, sondern in der Regel heruntergesetzt. Dass dies auf Dauer nicht funktionieren kann, war Experten schon lange klar, aber Politiker, die wiedergewählt werden wollen, setzen andere Prioritäten.

Das Wirtschaftswachstum unseres Landes ist auf Dauer nur durch die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte gewährleistet. Was tun wir aber, wenn das heutige Modell «Wohnen in der Schweiz und als Grenzgänger in Liechtenstein arbeiten», auf das wir keinen politischen Einfluss haben, nicht mehr funktioniert?
Ich bin mir sicher, dass das auch in Zukunft funktionieren wird, denn dieses Modell mit den Grenzgängern zwischen der Schweiz und Liechtenstein funktioniert nicht nur zwischen unseren beiden Ländern, sondern auch zwischen der Schweiz und den anderen europäischen Ländern, die an die Schweiz angrenzen. Die Schweiz wäre mit grossen politischen und wirtschaftlichen Problemen konfrontiert, würde sie den Grenzverkehr unterbinden.

In Ihrem Buch «Der Staat im dritten Jahrtausend» setzen Sie sich im Kapitel 10 eingehend mit dem Thema «Oligarchie» auseinander. Ist unser Land angesichts des wachsenden Gefälles zwischen «Arm und Reich» nicht auf bestem Wege zu einer Oligarchie – also zu einer «Herrschaft der wenigen» mit liechtensteinischer Prägung?
Nein, denn wir haben wie die Schweiz die direkte Demokratie, einen dezentralisierten Staat mit einer relativ grossen Gemeindeautonomie und last, but not least eine Monarchie, die ein Gegengewicht bilden kann zu oligarchischen Strukturen.

 

Dürfen wir noch eine weltpolitische Frage stellen? Es geht um das derzeit gestörte Verhältnis zwischen den USA und der Europäischen Union. Die Worte  Donald Trumps bei seinem Besuch im Mai in Europa haben die Europäer in hohem Masse verunsichert. Die NATO nennt er obsolet, der EU prophezeit er den Zerfall. In seiner Welt gibt es keine Verbündeten, nur Konkurrenten. Seinen Wahlspruch «America first» setzt er Stück für Stück um. Wo endet das?
Trump hat immer wieder seine Meinung geändert, und es stellt sich die Frage, ob er mit seinen etwas extremen und widersprüchlichen Ansichten im Kongress, in der Regierung oder in seinem Beraterteam die notwendige Unterstützung findet. Es stellt sich auch die Frage, ob er demnächst wiedergewählt wird.

Durchlaucht, Sie haben oder hatten drei Jobs in Ihrer höchst erfreulichen Vergangenheit: als Staatsoberhaupt, Konzernchef und Familienoberhaupt. Welcher dieser drei Jobs beanspruchte Sie am allermeisten?
Die Reorganisation und der Wiederaufbau des fürstlichen Vermögens. Ich musste unmittelbar nach meinem Studium damit beginnen, und es gab erhebliche Widerstände innerhalb des Fürstenhauses, da nähere und weitere Verwandte in den fürstlichen Betrieben entweder angestellt oder auch an diesen beteiligt waren. Ich musste in Wien eine grosse Zentralverwaltung auflösen, Betriebe schliessen oder verkaufen oder auch Kredite sperren und Bankgarantien widerrufen. Es gab sogar eine Bewegung innerhalb der Familie, mich aus dem Fürstenhaus auszuschliessen, aber meine Eltern und meine Geschwister standen hinter mir.

Was ist Ihre Hauptbeschäftigung heute, nachdem Sie schon vor zehn Jahren die Regierungsgeschäfte an Erbprinz Alois abgegeben haben?
Ich hatte die Zeit, ein Buch zu schreiben, das in der Zwischenzeit in 14 Sprachen übersetzt wurde. Ich werde immer wieder zu Vorträgen und Diskussionsrunden eingeladen, in denen diese Themen besprochen werden. Ich bin weiterhin Vorsitzender der verschiedenen Stiftungen, die das fürstliche Vermögen verwalten, und beschäftige mich mit Themen, die mich immer schon interessiert haben und für die ich nun mehr Zeit habe. Abgesehen davon habe ich jetzt mehr Zeit für die engere und die weitere Familie.

Erlauben Sie uns eine Frage zur Weltpolitik: Der heutige US-Präsident Trump hat sich beim G7-Treffen auf Sizilien vor einigen Wochen nicht besonders freundlich, um nicht zu sagen ungeschickt, gegenüber den anderen Staatenvertretern gezeigt. «America first» zieht dieser Präsident durch. So ist wahrscheinlich die deutsche Kanzlerin nicht die einzige, die sagt, dass man sich auf Trump nicht verlassen könne. Muss Europa das Heft selbst in die Hand nehmen? Wie beurteilen Sie das gegenwärtige Verhältnis der EU zu den USA?
Es ist sicher derzeit etwas belastet, aber soweit ich es beurteilen kann, liegen vielen Vertretern der amerikanischen Administration enge und gute Beziehungen zur EU und Europa am Herzen.

Eine Frage zur Innenpolitik: Wie sehen Sie allgemein die Flüchtlingswelle in Europa? Glauben Sie, dass diese abnehmen wird? Und kann Liechtenstein noch mehr Flüchtlinge als bisher aufnehmen? Das Volk wird langsam unruhig…
Ich glaube, dass am Ende und unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Liechtenstein prozentual mehr Flüchtlinge aufgenommen hat, als dies heute der Fall ist. Liechtenstein war damals noch ein recht armes Land, heute haben wir das höchste Pro-Kopf-Einkommen in Europa, und deshalb glaube ich, dass wir auch noch mehr Flüchtlinge aufnehmen könnten. Wichtig ist aber, dass diese Flüchtlinge sich bereit erklären, die Sprache zu lernen und sich zu integrieren sowie die ihnen angebotenen Arbeitsplätze anzunehmen.

Durchlaucht, erlauben Sie uns eine letzte Frage: Glauben Sie, dass der Brexit Auswirkungen auf unser Land haben wird? Und wie beurteilen Sie die Einrichtung einer Brexit-Fachstelle bei uns?
Wie sich die Beziehungen Grossbritanniens zur EU und damit auch zum EWR gestalten werden, lässt sich heute noch nicht sagen. Ich glaube aber nicht, dass der Brexit auf unsere Exportwirtschaft grosse Auswirkungen haben wird. Grossbritannien hat grösstes Interesse am Freihandel, da seine Exportwirtschaft, sei es der Industrie- oder der Dienstleistungssektor, sehr stark vom europäischen Markt abhängig ist. Für uns wäre natürlich eine Mitgliedschaft Grossbritanniens im EWR die einfachste Lösung. Inwieweit wir heute schon eine Brexit-Fachstelle brauchen, kann ich nicht beurteilen. Seit der Stellvertretung setze ich mich mit den Kapazitäten oder Problemen der Landesverwaltung nur noch eher am Rande auseinander.

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