Bildung in Liechtenstein: Gute Lehrkräfte statt teure Schulprovisorien

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Die Schule musste in den letzten Jahren immer mehr Erziehungsaufgaben übernehmen, die Eltern geben immer mehr Erziehungsaufgaben an die Schule weiter.

 

Eine Chance für die neue Bildungsministerin

 

Als im August 2005 der Wirbelsturm «Katrina» rund 80 % der Stadt New Orleans meterhoch unter Wasser setzte, wurde natürlich auch das Schulwesen der Stadt weggespült. Für die Schule sollte sich die Katastrophe aber -paradoxerweise als Segen erweisen. Text: Pio Schurti, erschienen in lie-zeit PRINT am 17.6.2017

Die Schulen von New Orleans, die Katrina zerstörte, zählten zu den schlechtesten in den ganzen USA. Als der Wiederaufbau der Stadt in Angriff genommen wurde, meldeten sich Lehrer aus dem ganzen Land als Freiwillige. Amerika war überrascht, dass es den neuen Schulen von New Orleans trotz der widrigen Umstände in kurzer Zeit gelang, viel bessere Schulabgänger zu produzieren.

Wie erklärte man sich die Verbesserung?

Zum einen brachten die zahlreichen freiwilligen Lehrer neuen Schwung in den Schulbetrieb. Ihre besondere Motivation und Hingabe wirkten sich messbar positiv aus. Zum andern könnten die jungen Menschen von New Orleans auch erkannt haben, was ihnen der Hurrikan «Katrina» weggenommen hatte. Dadurch nahmen sie die Schule nun ernster und besuchten den Unterricht motivierter.

Das Beispiel bestätigt eindrücklich, worauf es in einer guten Schule vor allem ankommt: Auf die Lehrpersonen und die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern. Dies ist seit langem bekannt, geht aber in der Bildungspolitik doch immer wieder vergessen.

Kaum hat die neue Bildungsministerin Dominique Gantenbein ihr Amt angetreten, wartet sie mit neuen Initiativen auf. Die Verlängerung der Primarschule von fünf auf sechs Jahre wird zur Diskussion gestellt und der Landtag hatte sich bereits in der zweiten Sitzung der neuen Legislatur mit zwei geplanten Schulprovisorien zu befassen. Zumindest leise Vorwürfe schwangen in der Argumentation mit: In den vergangenen Jahren habe im Liechtensteiner Bildungswesen Stillstand geherrscht. So tönt es kaum ein Jahr, nachdem die frühere Bildungsministerin Aurelia Frick und Schulamtsleiter Arnold Kind im Juli 2016 die Leistungen des Liechtensteiner Schulwesen lobten. Nach jahrelangen fruchtlosen Strukturdiskussionen sei endlich Ruhe eingekehrt. Nun haben wir erneut Strukturdiskussionen ins Haus stehen. Dabei sind die die zwei wichtigsten Fragen, die sich im Grunde jeder Gesellschaft rund um Schule und Bildung stellen, folgende:

Wer soll unsere Kinder unterrichten?

  1. Wer unterrichtet / erzieht die Kinder?
  2. Was bringen wir ihnen (den Kindern) bei?

Es ist lange bekannt, was in der Bildung wirklich zählt: 1. die Lehrer, und 2. der Grundauftrag, den die Gesellschaft den Lehrkräften erteilt.

Der Neuseeländer John Hattie hat über ein Dutzend Jahre hinweg Hunderte Studien zur Bildung analysiert. Das Ergebnis: Unabhängig von Lehrmethode und Lehrmittel sind Lehrerinnen und Lehrer für den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler ausschlaggebend. Eine gute Schule gibt es nur mit guten Lehrkräften.

Zu denken gibt, wie viele Lehrkräfte Liechtenstein im Ausland rekrutiert bzw. wohl rekrutieren muss. Offenbar ist der Lehrerberuf für Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner unter den jetzigen Bedingungen nicht mehr attraktiv. Die Schule musste in den letzten Jahren immer mehr Erziehungsaufgaben übernehmen, die Eltern geben immer mehr Erziehungsaufgaben an die Schule weiter.

Was bringen wir den Kindern bei?

Unser Bildungswesen hat den Kompass verloren. Obwohl Liechtenstein im PISA-Vergleich eigentlich gut dasteht, werden immer wieder Massnahmen getroffen, in der Absicht unsere Kinder in der globalisierten Gesellschaft bzw. im internationalen Wettbewerb besser zu stellen.

Frühenglisch ist eine solche Massnahme: teuer und ineffizient. Sekundarschüler holen schnell auf, was «Frühlerner» scheinbar so mühelos aufnehmen. Frühenglisch ist nicht nur teuer, es geht auch auf Kosten der Muttersprache und des Deutschunterrichts.

Bildung hat sich zu konzentrieren und fokussieren. Die Abnehmer unserer Schulen, ob Universitäten oder Lehrbetriebe, bemängeln schon zu lange, dass die Jugendlichen – in Anführungszeichen – «nicht mehr lesen können». Die Schule sollte sich nicht in Umwelterziehung oder Gesundheitsförderung verzetteln müssen, sondern die entscheidenden Kulturtechniken – Sprache, Mathematik, systematisches Arbeiten – vermitteln.

Investiert werden muss in die Lehrkräfte, aber nicht in trendige Massnahmen oder teure Schulprovisorien.

 

 

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