Im Gesundheitswesen fehlt es an der nötigen Kommunikation

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Die LIPO ist die offizielle Interessenvertretung für die Patienten oder, genauer gesagt, der Krankenversicherten Liechtensteins. Sie wurde 2006 auf Initiative der Regierung gegründet, um neben den Leistungserbringern und Versicherern auch den Patienten eine Stimme zu geben. Dabei wirkt die LIPO auf zwei Ebenen. Die «lie:zeit» hat sich mit dem Präsidenten der LIPO, Jo Marxer, Schaan, unterhalten. 

Interview: Herbert Oehri

 

Was ist die primäre Aufgabe der LIPO?
Jo Marxer:
Auf der ersten Ebene beraten wir Patienten bei Fragen zu Versicherungen und Behandlungen und können, falls erforderlich, auch rechtliche Expertisen einleiten oder medizinische Gutachten in Auftrag geben. Ein Beispiel: Einem unserer Mitglieder wurde nach langem Arbeitsausfall aufgrund einer Erkrankung zu Unrecht das Krankentaggeld verweigert. Es folgten ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten. Mit unserer Hilfe wurde ein Rechtsverfahren eingeleitet, und der Prozess ging zu Gunsten des Patienten aus. Unsere zweite Wirkungsebene ist unsere regulatorische Arbeit. Das heisst, bei Beratungen zu Gesetzesänderungen oder zur Organisation im Gesundheitswesen ist die LIPO die Stimme der Patienten.

Seid ihr beim OKP-Streit beigezogen worden?
Leider wurden wir beim nun beigelegten OKP-Streit, von dem die Patienten zweifellos direkt betroffen waren, nicht beigezogen. Wir hätten da viele gute Vorschläge beisteuern können, weil wir stets nahe am Patienten sind. So wären auch deren Vorstellungen und Meinungen in die Entscheidungsfindung mit eingeflossen.

Was ist zu tun, um inskünftig eine Verbesserung der involvierten Kräfte zu erzielen?
Im Gesundheitssystem Liechtensteins hängt der Haussegen schief. Wichtige Akteure sitzen nicht mehr gemeinsam am Tisch. Anstatt durch konstruktiven Austausch wird die Szenerie von Misstrauen und Verteilungskämpfen geprägt. Das ist sehr bedauerlich, gefährlich und völlig unnötig: Ich sehe hier sehr viele gute Leute mit guten Ideen und hoher Einsatzbereitschaft für die Gemeinschaft. Es fehlt aber eben ein gemeinsames Forum, welches das Gesundheitssystem auch angemessen abbildet. Die Kommunikation muss verbessert werden. Die LIPO empfiehlt daher eine Art Neustart der «Landesgesundheitskommission», um den Austausch aller Akteure im Gesundheitssystem zu fördern. Ähnliche Foren gab es in der Vergangenheit tatsächlich schon einige Male. Sie sind aber immer wieder gescheitert. Meines Erachtens fehlte es stets an klarem Fokus und angemessener Repräsentation der Vertreter des Gesundheitswesens. Das oberste Ziel ist doch eine gute und bezahlbare Gesundheitsversorgung für alle, und dazu braucht es einen offenen und respektvollen Austausch zwischen den vier Säulen unseres Gesundheitssystems: Leistungserbringer, Versicherer, Staat und Patienten.

 

Jo Marxer, Präsident der LIPO
Jo Marxer, Präsident der LIPO

«Ein funktionierendes Gesundheitssystem gehört zum Fundament einer modernen Gesellschaft und ist entscheidend für Erfolg und Nachhaltigkeit unseres Lebens-
und Wirtschaftsraumes.»

 

Was schlagen Sie als LIPO-Präsident konkret vor?
Ein funktionierendes Gesundheitssystem gehört zum Fundament einer modernen Gesellschaft und ist, wie etwa Bildung und Infrastruktur, entscheidend für Erfolg und Nachhaltigkeit unseres Lebens- und Wirtschaftsraumes. Wie alle fortschrittlichen Volkswirtschaften steigen aber auch in unserer die Gesundheitskosten stärker als Produktivität und Löhne, und die beste Gesundheitsversorgung wird nutzlos, wenn sie nicht mehr bezahlbar ist. Diese Gefahr besteht. Ich glaube, dass wir hier vieles um- und neu denken müssen. Die nächsten zehn Jahre verlangen von uns viel weiter reichende Reformen als die vergangenen zehn. Ich möchte hier nochmals den epischen Kampf um das neue Krankenversicherungsgesetz (KVG) und dessen Umsetzung in Erinnerung rufen. Unabhängig davon, wie man inhaltlich dazu steht: Das war keine grosse Reform! Das Problem ist, dass das Thema Gesundheitswesen bei Parteien und Gesellschaft viel zu tief hängt. Vereinfacht gesagt, überlässt man es dem jeweils amtierenden Gesundheitsminister, hier in seiner Legislaturperiode korrigierend einzugreifen. Das Thema wird immer wichtiger, und es ist Zeit, dass wir uns als Gesellschaft über unsere Wünsche, Möglichkeiten und Ziele vertieft unterhalten. Hier könnte die vorher vorgeschlagene Gesundheitskommission eine tragende Rolle spielen, auch als Mediatorin neuer Ideen. Weltweit gibt es viele innovative Beispiele, wie sich vieles im Gesundheitssystem besser organisieren liesse. Darüber hinaus befinden wir uns am Anfang einer technologischen Revolution, die das Potenzial hat, etwa mit elektronischen Patientendossiers und «Big Data» die Kosten von Behandlungen zu senken und dabei die Qualität zu verbessern, beispielsweise indem wir etwas weniger und dafür gezielter und individueller behandeln. Vieles wird sich ändern. Darum sollten wir mit Mut vorwärtsschreiten.

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