Manche Liechtensteinerinnen und Liechtensteiner, die in den Siebziger-/Achtzigerjahren aus geschäftlichen oder privaten Gründen in der Welt unterwegs waren, kennen die häufige Frage zum Beispiel von Sitznachbarn im Flugzeug oder in anderen Situationen: «Where are you from?» (Woher kommen Sie?). Auf die Antwort «Liechtenstein» gab es in der Regel zwei Reaktionen. Entweder musste man Geographie-Nachhilfe geben, häufig eine vergebliche Mühe, oder es kam die Zusatzfrage: «Dann kennen Sie sicher das Real in Vaduz?»

«Ein einst stolzes Stück Liechtenstein endet damit endgültig auf der Schrott-Deponie der Geschichte.»

Am 28. Februar 2013 ist die Kochlegende Felix Real im gesegneten Alter von 93 Jahren in Vaduz verstorben. Das Restaurant, ein «Gourmet-Tempel» im ersten Stock mit gemütlichen Vaduzer Stuben im Erdgeschoss, wurde wenige Jahre davor geschlossen, die Liegenschaft verkauft. Nun steht auch das Gebäude des traditionsreichen Hotel-Restaurants im Zentrum von Vaduz vor dem Abbruch! Ein einst stolzes Stück Liechtenstein endet damit endgültig auf der Schrott-Deponie der Geschichte.

Kein neuer Gastronomie-Betrieb!
Wenn es nach den neuen Eigentümern und den in das Verfahren eingebundenen Nachbarn geht, werden die Baumaschinen noch im Sommer dieses Jahres mit dem Abbruch und dem nachfolgenden Neubau beginnen. Die notwendigen Bewilligungen der Gemeinde liegen vor. Ein neues Restaurant oder Hotel ist nicht Gegenstand der Baubewilligung und auch nicht geplant. Gemäss Bauordnung der Gemeinde Vaduz müssen das Erdgeschoss und der erste Stock für öffentliche Einrichtungen konzipiert werden. Eine Variante könnten Ladengeschäfte sein.

Emil und Isabella Real-Batliner
Die Geschichte der Liechtensteiner Familie Real beginnt in der Mitte des vorletzten Jahrhunderts. Um 1845 wanderten die ausgebildeten Kaufleute, Felix und Jakob Real, zwei Vettern, aus dem italienischen Aostatal (am Fusse des Monte Rosa) über die Schweiz und Süddeutschland nach Vaduz ein.

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Felix und Theresia Real mit ihren Kindern Maria, Brigitte, Isabelle und Martin.

«1858 kaufte Felix für 1550 Gulden ein Haus mit Nebengebäude im Städtle». Sechs Jahre nach seiner Einbürgerung (1867) wurde Felix Real zum Bürgermeister gewählt. Den entscheidenden, ersten Schritt zum später weltbekannten «Real» aber tat der 1888 geborene Emil Real, der sich mitten im ersten Weltkrieg (1917) mit Isabella Batliner aus Mauren vermählte. Im Herbst 1919 bewarb sich das Ehepaar erfolgreich um die Konzession für die Eröffnung einer Kaffeestube mit Ausschank von Wein und alkoholischen Getränken. Anfang der Zwanzigerjahre wurde das «Café Real» als Speise-Restaurant erweitert. Die Eröffnung der «Weinstube» folgte 1955.

Die Mutter als Vorbild
Während sich Vater Emil um die Landwirtschaft kümmerte und daneben ein Taxiunternehmen betrieb, stand Mutter Isabella in der Küche und sorgte sich um das Wohl der Gäste. An ihrer Seite entdeckte der heranwachsende Sohn Felix sein Interesse am Beruf des Kochs und an der besonderen Art der Kreativität, die ihm später zur Berufung wurde. Und das in einer Zeit, da es unserem Land alles eher als gut ging!

«Im Liechtenstein der Zwanziger-und Dreissigerjahre war weitgehend Schmalhans Küchenmeister.»

Schmalhans als Küchenmeister
Im Liechtenstein der Zwanziger-und Dreissigerjahre war weitgehend Schmalhans Küchenmeister. Und den zweiten Weltkrieg überlebten wir dank der Einbindung in die kriegswirtschaftlichen Massnahmen der Schweiz vergleichsweise sehr gut.

Unser Land zählte in jenen mageren Jahren weniger als 10’000 Einwohner. Die neue, demokratische Verfassung trat am 24. Oktober 1921 in Kraft, der Zollvertrag mit der Schweiz am 1. Januar 1924. Er ist bis heute – neben der monarchischen Staatsform – die mitentscheidende Grundlage für den wirtschaftlichen und politischen Erfolg unseres Landes. Letztlich auch für jenen des Hotel-Restaurants Real in dessen Blütezeit.

Rationierung und Reservelager
In der Schweiz waren die Versorgungspläne für den zweiten Weltkrieg ab 1938 betriebsbereit. «Die Rationierung begann 1939 mit einer Bezugssperre für wichtige Lebensmittel (Zucker, Hülsenfrüchte, mehrere Getreideprodukte, Fette und Öle), der am 30. 10. die ordentliche Rationalisierung dieser Produkte folgte. Weitere wichtige Schritte waren die Einführung von zwei fleischlosen Tagen pro Woche ab Mai 1941 sowie die Fleischrationierung ab März 1942, die Milchkontingentierung ab Juli 1941, die Milchrationierung ab November 1942 und die Eierrationierung ab Dezember 1941. Ab Juli 1942 begann die abgestufte Form mit grösseren Portionen für Schwerarbeiter… Von Frühling 1945 bis Juli 1948 erfolgte die gestaffelte Aufhebung von Rationierung und von Reservelagern…»

So real wie mein Name
Zurück zum «Café Real», das sich schon zu jener Zeit über die Grenzen des Landes hinaus einen guten Namen machte. Vater Emil Real führte es äusserst seriös, und stolz verkündete er: «Meine Weine sind wie mein Name: real.» Er war Wirt, Weinbauer und Weinkelterer in einer Person. Mutter Isabella regierte mit Erfolg in der Küche, und beide zusammen kümmerten sich um die Gäste, die in den vier Fremdenzimmern abstiegen. Es war ein echter Familienbetrieb, denn die drei Töchter von Emil und Isabella – Maly, Annili und Marili – waren die fachkundigen und liebenswürdigen Serviertöchter, und selbst Bruder Adolf legte immer Hand an.

Das Café Real nach dem Anbau des Restaurants und der Weinstube.
Das Café Real nach dem Anbau des Restaurants und der Weinstube.

Dauergast an Mutters Herd
Schon im Schulalter, in dem Jugendliche noch häufig von glamourösen Traumberufen schwärmen, war Felix Real ein neugieriger Dauergast neben dem Herd seiner Mutter Isabella, von der später erzählt wurde, sie habe ihren Sohn letztendlich für den Beruf des Kochs begeistert. 1934 trat er mit grosser Freude seine erste Berufslehre im nahen Walenstadt an. Es gehört zu den liebenswerten Anekdoten aus seinem später so brillanten Berufsleben, dass Felix bei seiner ersten Abschlussprüfung durchgefallen ist!

Väterliche Freunde aus Mauren
Zwei andere Liechtensteiner, die damals als Köche in bekannten Häusern der Schweiz tätig waren, spielten in der weiteren Berufsentwicklung von Felix eine entscheidende Rolle: Gebhard Oehri und Andreas Marxer, beide aus Mauren, setzten sich dafür ein, dass der junge Real seine Berufsausbildung im damals bekannten Restaurant «Schlüsselzunft» in Basel fortsetzen konnte. Gebhard war zu jener Zeit Küchenchef des Palace-Hotels in Lausanne, wo Andreas Marxer seine Kochlehre absolviert hatte.

Mit beiden, dem späteren Kinobesitzer und dem erfolgreichen Gafleiwirt der Vierziger- und Fünfzigerjahre, verband Felix eine lebenslängliche Freundschaft.

Lausanne, Interlaken, Paris
Die weiteren Lehr- und Wanderjahre führten Felix Real in verschiedene Restaurants in Lausanne und Interlaken. Zwei Jahre nach Ausbruch des Weltkrieges, 1940, kehrte Felix auf Wunsch seines Vaters an den heimischen Herd zurück. Dazwischen folgten weitere Jahre der Fortbildung. So u.a. an der Hotelfachschule Luzern und in Paris, wo er sich 1949 dank freundschaftlicher Beziehungen im heute noch international renommierten «Maxim’s» mit den Geheimnissen der französischen Küche vertraut machte. Das Praktikum im Maxim’s sollte später zu einem der grossen Höhepunkte in seinem Berufsleben werden.

Erfolg und Familie
Der unglaubliche internationale Erfolg des Hauses Real wurde von Anbeginn von seiner Familie mitgetragen. 1951 schloss Felix mit Theresia Hörl aus dem Zillertal eine glückliche Ehe, der vier Kinder – drei Mädchen und ein Sohn – entsprossen. Theresia blieb an der Seite von Felix durch Jahrzehnte die Seele des Hauses. Neben seinem internationalen Ansehen genoss Felix Real zeitlebens die freundschaftliche Zuneigung des Fürstenhauses, dem er häufig als Berater und Küchenchef an die Seite ging.

«Für das leibliche Wohl wurden die besten Köche aus aller Welt aufgeboten.»

Höhepunkt
Mitte Oktober 1971 fand in der Ruinenstadt Persepolis die 2500-Jahr-Feier der Iranischen Monarchie statt. Unter den 70 Monarchen und Staatschefs aus aller Welt, die zu diesem «grössten Fest aller Zeiten» persönlich und als Staatsoberhäupter eingeladen waren, gehörten auch unser Landesfürst Franz Josef II. mit Fürstin Gina von Liechtenstein. Die Gäste wohnten in einer «Zeltstadt» unweit der Ruinen des historischen Zentrums. Für das leibliche Wohl wurden die besten Köche aus aller Welt aufgeboten. Unter der administrativen Leitung von Maxim’s Besitzer Louis Vaudable aus Paris wurde Felix Real (zusammen mit seinem Bruder Emil Real) in eine leitende Funktion der internationalen Küchenbrigade berufen!

Berühmtheiten wie Zarah Leander oder die  Fürstenfamilie von Monaco waren zu Gast im Real.
Berühmtheiten wie Zarah Leander oder die
Fürstenfamilie von Monaco waren zu Gast im Real.

Abschied!
Kurz vor Weihnachten, am 23. Dezember 2010, gab Felix Real wenige Wochen vor seinem 92. Geburtstag die Schliessung seines Hauses bekannt: «Es ist uns wahrlich nicht leicht gefallen, unser international renommiertes Haus im 90. Jahr seines Bestehens nicht mehr weiterzuführen. Die Gründe, die zu dieser Entscheidung führten, sind einerseits das fortgeschrittene Alter meiner Frau Theresia und von mir… Trotz zahlreichen Versuchen im Familien- und Freundeskreis ist es nicht gelungen, eine dem Stil unseres Hauses entsprechende Nachfolgeregelung für unser Familienunternehmen zu finden.»

Text: Fürstl. Rat Walter-Bruno Wohlwend für lie:zeit Ausgabe 43/2016

 

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